27 März 2011

Mitternachtsgedanken im März

Der Verrat der Mütter 

immer wieder fühlen sich Töchter, zu Recht, von ihren Müttern im Stich gelassen, nicht wahrgenommen oder verraten. Es scheint, als hätten die Mütter dieser Welt Schuld ohne Ende auf sich geladen bis hin in unsere Gegenwart. Eine Art Erbsünde, ein Teufelskreis, der schwer zu durchbrechen ist. Immer wieder versagen sie, die Mütter. 
 
Sie sind gleichgültig, wo das Kind ihrer Aufmerksamkeit bedarf. Sie klammern, wenn das Kind frei sein möchte. Sie gehen arbeiten, wenn das Kind sie braucht, sie hocken zu Hause rum, wenn das Kind auf eine taffe Mutter stolz sein möchte. Sie arbeiten dem Vater zu und vergessen ihr Kind zu schützen. Sie vernachlässigen, sehen weg, verdrängen, verletzen oder töten gar. 
 
Wenn der ins Heute zivilisierte Mensch „Mutter“ hört, schwingen irgendwie auch immer gleichzeitig alle gruseligen Pressemeldung über die versagende Mutter mit. Ich habe, selbst unter Müttern, noch keine Diskussion über die starke oder auf verlorenem Posten kämpfende Mutter erlebt, in der nicht nach kürzester Zeit das Bild hin zur schwachen und verantwortungslosen Mutter korrigiert worden wäre.

Mütter scheinen die größten Egoisten aller Zeiten zu sein, wo es doch ihre Aufgabe wäre, sich in Selbstlosigkeit aufzulösen. Nicht einmal die unendlich vielen Frauen, die täglich ganz selbstverständlich für das gute Gedeihen, die Gesundheit und angemessene Entwicklung ihre Kinder sorgen, machen vergessen, dass die Mutter im gesellschaftliche Fokus eine zweifelhafte Erscheinung ist.

Unsere Mütter gehören unserer Vergangenheit an, selbst wenn sie noch am Leben sind. Und das ist es, was wir verstehen müssen. Das Gestern umfasst Millionen von Jahren und in dieser Zeit ist verdammt viel passiert...

Der immer wieder gern zitierte Verrat der Mütter an den Töchtern, ist gleichzeitig auch ein Verrat an den Müttern.

Nur wenn sie völlig selbstlose Mütter sind oder zu einer Art Gebärmaschinen werden, die ihre Kinder dann einer Vater-Gesellschaft überantworten, dürfen sie sich mit Attributen schmücken wie gut und liebevoll, aufopfernd und hingebungsvoll. Das rührselige Mutterbild, der etwa letzten zweihundert Jahre, hat manche Frauen wie eine Droge betäubt und andere herausgefordert.

Auflehnung gegen die geistige (und körperliche) Gefangenschaft als Frau im christlichen Abendland bedeutete auch gegen Gesetzeslagen anzugehen. Wie eine Familien geführt werden soll, in der nicht nur die Kinder, sondern auch eine Mutter zu gehorchen hatte, ist nicht nur als Empfehlung von der Kirche herausgegeben worden, sondern war bis ins Strafrecht hinein festgeschrieben. 
 
Die Jungfrau Maria, welche gleichzeitig als Gottesmutter verehrt wird, diente als Leitbild. Alle milden und gütigen und demütigen Aspekte sollten den nur allzu realen Alltag einer Frau mit Dreck und Schweiß und Tränen, Scheiße und Geheul und Blut, Erschöpfung und Schmerzen und Tod, ideologisch einfach in eine Märchenidylle verwandeln. Gleichzeitig verlor die Frau mit ihrer Heirat oft völlig den Rückhalt ihre Sippe, ihrer Herkunftsfamilie. Sie wurde zur Schwiegertochter. Einen Status, den sie durch Anpassung, Arbeitskraft und Fruchtbarkeit aufwerten konnte.

Was bedeutete es, wenn ein Mädchen einem Manne zur Frau gegeben wurde?
Wie wurden Ehe-Arrangements unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten gewertet und wie wurde die Frau dabei geachtet?
Welche Auswirkungen hatte es für eine Menschenleben, wenn der Mann sich eine Frau erwählte mit oder ohne ihrem Einverständnis?

Die  verbindliche Ehe war früher den Familien mit Besitz vorbehalten und oft war die Frau dem Mann verpflichtet wie ein Bauer seinem Lehnsherrn. Es ist noch nicht so lange her, da stand dieser zum Prinzip erhobener Lebensentwurf auch noch unter dem für alle bindenden Motto: … bis dass der Tod euch scheidet. Bis das Paarbündnis als Grundlage der gesellschaftlichen Organisation zum Standard für wirklich Jeden erhoben wurde, vergingen Jahrhunderte. Die Zeiten, als Land- und anderer Besitz, sowie die Dauerpaarbildung keine Rolle spielte, liegt sehr viel weiter zurück.
 
Unabhängig davon, ob sich das Paar bis ans Ende ihrer Tage zugeneigt war oder nicht, die Kinder gehörten zum (dem) Vater. Nur wenn die Frau über eigenes Geld verfügte, erlangte sie zu eine Art Ansehen, dass nicht ausschließlich über den Status ihres Gatten definiert wurde. Nach dem Mittelalter verhinderten die meisten Gesetze eine finanzielle Unabhängigkeit des Weibes. Die Mutter der Kinder war vollkommen abhängig vom Ehemann und Vater der Kinder. Und diese Abhängigkeit wurde ebenfalls zum Idol erhoben.

Die heutige Forschung ist grad an dem Punkt der Erkenntnis angelangt, dass bei einer freiwilligen, einvernehmlichen Paarung das Immunsystem der Frau den Ausschlag gibt, welchem potentiellen Erzeuger ihres Kindes sie den Vorzug gibt. Wenn Frauen nicht Mütter würden, gäbe es keine Menschen. Und sie wurden es, immer wieder, selbst unter den unerträglichsten (gesellschaftlichen) Bedingungen. 

Mütter lassen, ob mutterseelenallein oder in Gemeinschaft, ihren Kindern die grundlegende Fürsorge angedeihen, das ist Programm, vielleicht nur ein genetisches. Die Qualität dieser Fürsorge hat weniger mit den Fähigkeiten der einzelnen Frau zu tun, sonder vor allem mit dem Status den eine Mutter in der Sozialgemeinschaft einnimmt. Die Vergangenheit mit den ihr eigenen Zwängen und Chancen für die, in ihr lebenden Frauen zeigt, welche Kraft eine Mutter haben kann.

Meine Mutter hat acht Kinder aufgezogen und sie ist eine Ahnin meiner Kinder und Kindeskinder. Was wusste ich einst wirklich von ihren Kämpfen und Niederlagen, ihren Freuden und Sehnsüchten, ihren Ängsten und Schmerzen, von ihrer Einsamkeit und ihren Bündnissen, der Zeit der zwei Kriege, die ihr kostbare Jahre raubten? Jetzt, aus der Sicht der langen Jahre ohne sie, habe ich nichts mehr zu rechten oder anzuklagen. 

Mutter und Kind sind sich gegenseitig das Kostbarste im Leben - was ist daraus geworden?

Kommentare:

Siggi hat gesagt…

Hallo Stephanie,

ich habe es so deutlich noch nie vor Augen gesehen, wie du es jetzt einfach so niedergeschrieben hast.
Ich bin auch so eine Mutter, die egal was sie gemacht hat, es war nie das Richtige. Das Resultat...kein Kontakt zu Kindern, Enkelkindern. Der nie existente Vater wird auf einmal in den Himmel gehoben. Leide manchmal sehr darunter aber deine Zeilen sagen mir, daß ich kein Einzelfall bin.
Ich danke dir dafür.
Liebe Grüße
Siggi

Grey Owl Calluna hat gesagt…

Liebe Stephanie!
Du weißt ja, dass ich auch kein besonders gutes Verhältnis zu meiner Mutter habe, und dieses Wort nicht nur deshalb bis vor kurzem noch nicht einmal aussprechen konnte.
Ja, ich habe sie gehaßt.....für all´"das", was sie mir viele Jahre angetan hat, was mich geprägt hat, und was dazu beigetragen hat , dass ich zu "dem" wurde, was ich heute bin.

Aber später.......begriff ich, als ich hinterfragte, "warum hat sie das getan", dass es ihr nicht anders ging, sie es nicht besser wußte.

Ich habe vergeben, aber nicht vergessen.....
Den einzigen Vorwurf, den ich ihr mache,......sie hat nie hinterfragt, nachgedacht, ihre Meinung geändert,.....sich nicht weiter entwickelt....

Ja, das ist ein sehr guter Podt, und wirklich wahre Worte liebe Stephanie.........es stimmt einen traurig.....immer noch......

Sei ganz lieb gegrüßt
Rosi
....und wweiter so!!!!

Stephanie hat gesagt…

Liebe Siggi,

wenn nach einem Mutterleben ein solches Resultat bleibt, suchen die Frauen natürlich erst einmal die Schuld bei sich... was erwartet denn die Gesellschaft? Kinder großziehen, aus dem Haus schicken, Ende der Durchsage...
aber das ist schlicht und einfach nicht menschlich - Jahrtausende lang hat der Mensch sein Dasein von der Geburt bis zum Tod mit seinen Angehörigen verbracht...
inzwischen wird es das als Lauf der Dinge dargestellt die Dienstleisterin "Mutter" nach getaner Arbeit auszumustert... ein Aspekt, der die Gesellschaft krank macht...
herzliche schwesterliche Grüße
Stephanie





Ach ja, liebe Rosi,
es dauert immer bis frau alles durchschaut und erkannt hat. Es wurde uns ja auch nicht leicht gemacht. Die Konditionierung unserer Mütter hat wesentlich dazu beigetragen, dass sich frau entweder ins scheinbar Unvermeidliche schickte oder ihre kostbare Zeit in wilder Rebellion vertan hat.
Aber trotzdem hat es uns wie du schon sagtest, zu dem gemacht was wir heute sind und ich bin eigentlich gar nicht unzufrieden damit ;-)
ich grüße dich herzlich
Stephanie
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