...aus gegebenen Anlass ein Text aus meiner Schublade...
Ich hörte und las als Kind Märchen,
ohne immer deren wirklichen tieferen Sinn zu erahnen. Später liebte ich
jede Art von historischem Roman. Im Prinzip sind diese auch nichts
anderes als anders aufbereitete Märchen für Erwachsene. Denn auch
ein Märchen – eine Mär - ist eine durch Weitersagen hundertfach
gewandelte, fantasievoll ausgeschmückte und doch erinnerte wahre
Kunde. Die überlieferten Märchen sind Dokumente aus vergangenen
Zeiten, das sogenannte herabgesunkenes Kulturgut und leider sind sie
ohne verbindliche Zeitangabe. „Es war einmal...“ oder „...vor
langer Zeit trug es sich zu...“ - wir kennen das ja.
Geschichte war in der Schule eines
meiner Lieblingsfächer und ich nehme heute noch begierig alles auf,
was mich an die vergangenen Zeiten anschließt. Ich bin mehr denn je
an Geschichte interessiert. Aber mein Interesse und meine Kenntnisse
erstrecken sich nicht nur über die, mir einst zur Verfügung
gestellten und oft kärgliche und fehlinterpretierte Faktenlage,
sondern ich werte viel mehr selbst Alles aus. Ich stelle dabei
Querverbindungen her, die sonst so nicht üblich sind. Für mich
steckt in allem eine Spur, die uns hilft unsere lange
Menschengeschichte zu verstehen und für mich sind ganz andere Fakten
und Hinweise relevant – nicht alles ist ein Kultgegenstand und
nicht jede gefundene Speerspitze ist der Ausdruck von beginnender
Kultur.
Inzwischen kenne ich mich ganz gut aus
in der Welt meiner (unserer) Ahninnen. Auch weil ich mich schon lange
mit all meinen Sinnen, meinem Wissen und meiner mir zur Verfügung
stehenden Imagination, in den Welten der Vergangenheit (und der
Zukunft) aufhalte.
Das anfängliche Menschenleben
beinhaltete neben einem simpel und zufriedenstellenden
und bestimmt auch glücklich erlebten Alltag, ebenso Schmerz, Leid (Verlust) und
Tod. Und eines Tages fingen die Menschen an, alles was sie erlebt
hatten und dessen sie sich erinnerten, bewusst an ihre Nachkommen
weiterzugeben. Geschichten und Geschichte ist ein und dassSelbe, denn
auch unsere Fantasie schöpft nur aus tatsächlichen Überlieferungen
oder selbst gemachten Erfahrungen.
Das überlieferte Märchen ist kein
unwirkliches Fantasieprodukt, so wie heute der Begriff des Märchens
manchmal gebraucht wird. Allerdings bietet es viele (literarische)
Möglichkeiten, z.B. können die aktuellen politischen Verhältnisse
kritisiert werden, indem wir sie in vergangene Zeiten verlegen.
Bestehende kulturelle Verhältnisse und neue Ideologien sickern absichtlich oder unwissend in die Berichte der
Ereignisse ein, die vor langer Zeit statt gefunden haben. Oder vielleicht getarnt als Moral und Sittlichkeit oder als Trost in trostlosen
Zeiten. Auch die uns nicht unbekannte Vorstellung von den „guten“
vergangenen (alten) Zeiten speist sich aus dieser Quelle.
Doch genug Vorrede, kommen wir zu all
den Märchen, die ob der in ihnen vorkommenden Grausamkeiten getadelt
werden und heute nur modifiziert in die Kinderzimmer vordringen
dürfen. Und da gilt es erst einmal die Tatsache zur Kenntnis zu
nehmen, dass die erzählte Mär und die weitergesagte Sage, nicht als
harmlose Gute-Nacht-Geschichte für Kinder in die Welt gesetzt wurde.
Märchen waren Unterhaltung für Erwachsene bevor sie als bunte
Klischees in heutigen Kinderzimmern landeten.
Ich meine, die Grausamkeit die zur
Grundausstattung vieler Märchen gehört, steht vor allem für eines:
für die Ungeheuerlichkeit einer tatsächlich vorangegangenen, einer
begangenen Tat. Auch in all den Märchen wird letztendlich über
tatsächliche Geschehnisse berichtet und sie dienten auch der
Verarbeitung von Erlebnissen oder als Vorbereitung auf eventuell
erfolgende Gräuel.
Denn Grausamkeit, einmal in die Welt
gesetzt, breitet sich aus und ist nur schwer einzudämmen. Da kommt
Vergeltung und Rache ins Spiel und manchmal beginnt es nur mit dem
Gedanken, dass Angriff die beste Verteidigung ist. Begangene
Grausamkeiten mit erneuten Grausamkeiten zu sühnen finden wir als
gängige Praxis schon in den alttestamentarischen Zeiten (Auge um
Auge, Zahn um Zahn).
Hier handelt sich m.E. um eine
Konditionierung zur Akzeptanz von Grausamkeiten,
welche real als rigide Bestrafung und Abschreckung bei
gemeinschaftsschädlichem Fehlverhalten durch die jeweilige Exekutive
demonstriert wurde. Und damit sind wir bereits mittendrin in dem gut
funktionierenden patristischen System.
Mögen die Grundlagen unserer sehr
alten Märchen noch aus Zeiten stammen, da „Gewalt“ noch Walten
und Wirken bedeutete, also eher mit verwalten übereinstimmte und
nicht als Synonym für (männliche) Willkür, Repressalien,
Unterdrückung, Regression und Abschlachten daherkam. Die
Jahrhunderte der Grausamkeiten und des Blutvergießens haben leider ihre
Spuren in den Mären hinterlassen, die vielleicht einst von
friedlichen Zeiten berichteten. Die Geschichte veränderte sich und
mit ihr die Geschichten.
Sicher gibt es immer noch Märchen, die
von guten Entwicklungen, von Bewältigung des Alltags oder
liebenswerter Tolpatschigkeit handeln und in denen niemand Schaden an
Leib und Leben nimmt. Aber wir haben uns auch an ein gewisses
Gewaltpotential gewöhnt und „harmlose Literatur“ für Erwachsene
und Kinder ist heute scheinbar uncool. Krimi-Literatur und -Filme boomen immer noch. Mich wundert das nicht.
Schließlich sind ja mehrere Generationen mit Hänsel und Gretel und
der bösen Knusperhexe aufgewachsen und für bestimmte (männliche)
Zielgruppen werden wilden Spielen, Action und Wettkampf kreiert. Auch
die heute geschriebenen Geschichten für Kinder und Jugendliche gehen
für den jugendlichen Protagonisten kaum noch ohne ein gerüttelt Maß
an Gefahr, Herausforderung, risikoreiche Betriebsamkeit und dem
berühmten Kampf „Gut gegen Böse“ durch.
Hänsel und Gretel oder Die
Knusperhexe - dieses Märchen eignet sich in vieler Hinsicht ganz
gut, die uns bekannte und verharmloste Märchengrausamkeit zu
untersuchen.
Einen Menschen bei
vollem Bewusstsein und absichtlich zu verbrennen und dabei noch zuzusehen, ist für mich
eine unvorstellbare Entsetzlichkeit, ein so furchtbarer Gedanke, das
ich den eigentlich nicht zulassen kann. Im Märchen wird diese
unvorstellbare Brutalität verniedlicht. Natürlich geschah es der
„böse“ Hexe recht – hat sie doch die Kinder bedroht und Gretel
sah keine andere Möglichkeit sich und ihren Bruder zu retten, als
die Hexe ins Feuer des Backofen zu stoßen. Denn diese hat den Kindern
angedroht, sie zu fressen.
„Gretel lief fort und die gottlose
Hexe musste elendiglich verbrennen.“
Das arme Mädchen war zuvor auf sich
gestellt, niemand, auch nicht der Bruder konnte ihr helfen. Und dazu
kam noch ihre zuvor gemachten Erfahrungen: die einzige, ihr
nahestehende Frau, ihre Mutter, hatte sie bereits verraten und ihren
Bruder und sie im Wald ausgesetzt. Da sehen wir dem Mädchen ihre
Tat, die Tötung der Hexe, gern nach und plädieren
selbstverständlich auf Notwehr. Außerdem ist bekanntermaßen eine
Hexe per se böse und es ist normal, dass diese geballte weibliche
Boshaftigkeit bestraft werden muss, zumal noch einmal ausdrücklich
auf die Gottlosigkeit des Hexenweibes hingewiesen wird.
Den Kindern war es also gelungen zu
entkommen und sie kehrten nach Hause zurück. Und da inzwischen die
Mutter gestorben war, lebten die Kinder von den Schätzen der Hexe
glücklich und in Freunden mit ihrem Vater zusammen. Welch viele
versteckte Hinweise auf weit zurückliegendes Brauchtum. Und was für
eine Ansammlung von infamen Darstellungen wirklicher Weiblichkeit
findet heute, verharmlost und mit bunten Bildern versehen, Einlass in
die Kinderzimmer.
Vordergründig können wir
argumentieren, dass das heutige Kind seinen Alltagsfrust, den es mit der
Mutter oder anderen weiblichen Bezugspersonen hat, in
Backofengewaltfantasien umsetzt kann und sich so auf der psychischen
Ebene zur Wehr setzt. Unterschwellig jedoch lassen wir dabei
ganz andere Botschaft zu: Mütter und andere böse Frauen werden vom
Schicksal (und ihren Kindern) bestraft, denn sie lassen ihre Kinder
im Stich oder nutzen sie nur aus.
Manch eine empfindet heute das
klassische Märchen als ein raffiniert eingesetztes Kampfmittel im
Krieg gegen die Frau. Ein Krieg, der sich leitmotivisch durch die
patriarchalisierten Jahrhunderte zieht. Die Märchen fühlen sich
dann an, als ob es sich dabei um eine großangelegte Kampagne, um
eine gezielte Gehirnwäsche handelt und gerade bei den überlieferten
und modern bearbeiten Märchen kommt es mir oft genauso vor.
Die Denkungsart in der Zeit, da
Märchen-Volksgut gesammelt und aufgeschrieben wurde und zudem die
vielen romantisierten Kunstmärchen entstanden, die auch überlieferte
Fragmente enthielten und in denen der damals bestehende Mainstream zum
Tragen kam, war durch die Doppelmoral christlicher Werte und
patriarchalen Traditionen geprägt. Zu Beginn der Aufklärung gab es
noch Prozesse und Todesurteile gegen Hexen. Und als die Gebrüder
Grimm ihre Kinder- und Hausmärchen herausbrachten, hatte das
Gesellschaftsbewusstsein die angebliche Schändlichkeit der Hexen bei
weitem nicht vergessen. Noch etwa bis Mitte des 20. Jahrhundert kamen
Anschuldigungen wegen Hexerei vor Gericht. Weltweit gesehen hat die
Hexenverfolgung nie aufgehört und fordert immer noch Opfer ohne
Ende.
Das Märchen als solche war schon immer viel mehr als nur eine
nette Gute-Nacht-Geschichte. Und deshalb können wir doch nicht allen Ernstes,
die real existierenden Exzesse einer patriarchalen Gesellschaft, in
die Märchen der letzten Jahrhunderte verpackt, heute unseren Kindern
als therapeutische Maßnahme unterjubeln wollen, damit sie sich vom
Tun ihrer Mütter distanzieren können.
Ein Hinweis darauf, wie sich das
Menschenbild inzwischen gewandelt hat, wäre als Anmerkung zumindest
angebracht. Mir ist die scheinbar allgemein akzeptierte Feststellung,
dass Kinder (welchen Alters?) die Grausamkeit der Märchen, in der
das „Gute“ siegt und das „Böse“ bestraft wird, brauchen, zu
simpel und zu rückständig. Ich glaube auch nicht wirklich, dass
diese Art der Infiltration der kindlichen Psyche und des Geistes,
humanes Fühlen fördert und glückliche Menschen hervorbringt.
Solche Märchen brauchen Kinder vielleicht gar nicht! Denn das
klassische Märchen, wie es heute als Kinderliteratur vorliegt, war
einst Lehrbeispiel und Unterhaltung für Erwachsene. Weder die Seele,
noch der Geist, noch die Körper unserer Kinder brauchen
Grausamkeiten als Beispiele oder als Erfahrung.