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11 Oktober 2014

Verlustigt - Fundstück aus einer Sammeldatei

Wenn mir meine Heimat verlustig geht, bleibt mir in der Regel gar nichts weiter übrig, als mich mit den nun mehr bestehenden Lebensumständen zu arrangieren. Gleichgültig ob wir es selbst entschieden haben oder uns schicksalhafte Verstrickungen heimatlos gemachten, die Anpassungsarbeit an die veränderte Situation muss das Individuum auf jeden Fall leisten.

Wir sind heute in unserer Kultur auf Nichtbindung seit Kindheit an trainiert. Nach zwei Wochen wird heute nach einem Ortswechsel schon gefragt: na hast du dich schon eingelebt? Und bei einem Verlust wird einem kaum Zeit zum Trauern und Verarbeiten zugestanden. Dieser Verlust muss nicht immer ein Todesfall sein. Täglich verschwinden Menschen aus unserem Umfeld, die zu unserem Lebenskreis gehörten, die uns in irgendeiner Weise nahe standen und vertraut waren. Von Kind an gibt es in unserer fremd-strukturierten und flexibel angelegten Gesellschaftskultur ein ständiges Kommen und Gehen. Die Spielkameradin zieht weg, die beste Freundin wechselt die Schule, die Arbeitskollegin verlässt den Betrieb, der Ehemann kommt abhanden, der Freund löst die Beziehung oder eine bricht selbst mit dem eben noch innig Geliebten oder gar mit ihrem familiären Background.

Ständiger Verlust gehört zu unserem Alltag und ist als grundsätzliches Muster in unseren gesellschaftlichen Gepflogenheiten angelegt. Aber dieses neue, schon über ein paar Generationen tradierte Selbstverständnis (der permanenten Trennung) in unserer abendländischen Kultur ist und das wissen wir inzwischen genau, keine artgerechte Verhaltensweise unserer Spezies.

Als Individuum bleiben wir, selbst bei relativ harmlosen Verlusten, immer als jeweils allein Betroffene zurück. Und die anderen ebenso. Wir verarbeiten Trennungsschmerz und Trauer nicht mehr in gewachsenen Nähe-Gruppen, in unseren angehörigen Lebensgemeinschaften, sondern bleiben auf uns zurückgeworfen. Muss zum Beispiel der „Verlust“ einer vertrauen Arbeitskollegin im Alltag überwunden werden, wird kaum eine lange klagen oder darüber viele Worte verlieren, aber in unserem Inneren laufen trotzdem bestimmte Prozesse ab. Es gehört seit Prä-Zeiten zu unserer Art sich mit Verlusten auseinanderzusetzen. Von unserer menschlichen Grundhaltung her mussten wir das jedoch nicht allein durchleben, genauso wenig als isolierte Mutter die eigenen Kinder allein aufziehen.

Der moderne Trend geht jedoch nach wie vor hin zur Unterdrückung und Verdrängung der Verlust-Gefühle und der möglichst schnellen Überwindung. Sich lange damit beschäftigen oder den schmerzlichen Gefühlen Raum zu geben, ist verpönt. Jede Art von Verlust- und Trauerarbeit wird als überflüssig angesehen bzw. wie ein Tabu gehandelt. Sogleich wird uns von allen Seiten empfohlen, doch wieder nach vorn zu sehen. Das Leben geht weiter. Aber es geht auch weiter wenn wir angemessen trauern oder uns des Verlustes bewusst werden. So ziehen wir uns also eine Weile in uns zurück und lassen unseren Schmerz möglichst nicht den Alltag tangieren. Schließlich haben wir das von Kindheit an trainiert und bei den meisten sitzt die Konditionierung tadellos. Frauen sind immer wieder in besonderem Maße betroffen, müssen sie doch im herrschenden patriarchösen System schon seit Jahrtausenden ihre Herkunftsgeborgenheit verlassen und sehen sich mit vielfältigen Nuancen von Heimatlosigkeit konfrontiert.

16 August 2014

Intuition und Erdbeereis


... auf FB schreibt A. Aliti gerade: "Hüte dich vor deiner Intuition! Alles, was sie will, ist ein Vanilleeis..." - Interessante Sichtweise.
Also meine Intuition würde ein Erdbeereis wollen, wenn sie denn auf die Idee käme, etwas zu wollen. Und ich wiederum käme nicht auf die Idee, mich vor meiner Intuition hüten zu wollen. Ich möchte viel lieber den Satz ausrufen: habt keine Angst vor eurer Intuition – ihr seid eins mit ihr!
Unsere Intuition - natürliche, und wahnsinnig schnelle, Sofortreaktion unseres Gesamtkörpers, manchmal als Denkleistung missverstanden - greift ständig auf unseren individuellen, gigantischen Wissensspeicher (Hirn) und unsere anderen (epi)genetisch und memisch angelegten Pools, zurück.
Vielleicht auch auf das sogenannte Zellgedächtnis - sie ist also nicht nur auf die selbstgemachte Erfahrungen nach unserer Geburt innerhalb der vorhandenen morphogenetischen Felder im Gemeinschaftskontext unserer Spezies angewiesen.

Die größte Kraft aller Lebewesen ist die komplexe "Erinnerung" in unseren Chromosomen und damit in den jeweiligen Körpern. Sie findet ihren Ausdruck im instinktiven Verhalten und dem Drang Überlebens"Erfolge" zu replizieren. Die in den Zellen der Mütter eingelagerten Daten (die ererbten und die später selbst gemachte und abgeschauten Erfahrungen) stehen uns grundsätzlich zur Verfügung. Die geistige Weitergabe über Sprache ist, als ein Teil der Menschenkommunikation, eine Strategie in der evolutionären Überlieferung. Der interaktive Gesamtaustausch, den die  Spezies Mensch beherrscht, beansprucht mehr als nur den Sinn des Hörens. (Und die Schrift, die wir heute als so essentiell ansehen, ist nur ein Sahnehäubchen jüngeren Datums auf der interaktiven Menschen- sowie komplexen NaturKommunikation.)
Zum Fühl-Denken benutze ich nicht nur meinen Kopf, sondern meinen ganzen Körper und das ist das Tolle dabei, dieses Gesamtpaket hat einen Vorab-Ausdruck der zu erwartenden Reaktionen auf die Anforderungen meiner Umwelt: die Intuition.
Die Intuition stammt noch aus der Zeit, als nicht alles zwanghaft durch Denken und gedachte Sprache gelöst wurde, sondern nur reflexhafte Reaktionen, ausgelöst durch eine Instinktsteuerung, welche die Lebewesen und irgendwann auch uns, die Menschen, tagtäglich überleben ließen. 
Unter Intuition verstehe ich die Bündelung unserer fünf Sinne und mindestens des sechsten und siebten noch dazu - wir nennen sie auch Ahnung oder Bauchgefühl, und sie ist keine "Kopfleistung", wie sich auch oft vorgestellt wird. Das Sonnengeflecht mit seiner hohen Konzentration von Nervenbündeln, in dem scheinbar unsere Intuition sitzt, wird nicht umsonst auch Bauchgehirn genannt und es arbeitet unablässig, aber unwillkürlich. 
Wenn ich es recht überlege, wollte meine Intuition noch nie ein Vanille- oder Erdbeereis, aber sie führte mich oft genug genau dahin, wo ich schon immer einmal hinwollte, wo ich mich wohl fühle, wo es mir gut geht. Und ebenso oft entgegen der Unkenrufe aus meinem kultur- bzw. zivilisationsgesteuerten, tradierten und manipulierenden Umfeld. Allen anderen Meinungen zum Trotz behaupte ich - weiß ich - dass meine intuitive innere Führung nur mein Bestes im Sinn hat. Dieses Beste war in grauer Vorzeit dafür da, das eigene Überleben zu garantieren. Und das fand bei der Spezies Mensch als Alltagsleben im Kreise der angehörenden Verwandten statt, im Verbund mit den Menschen, mit denen uns ein gegenseitiges, wohlmeinendes und fürsorgendes Miteinander verband.
Der andere Haupteffekt des Lebens, der zum urtümlichen Grundausstattungspaket gehört, ist der (ebenfalls) unwillkürlich angelegte Drang zum Arterhalt. Hier ist nicht flüchtiger erotischer Spaß gemeint, sondern vorrangig, also noch vor allem anderen, das lebenserhaltende Aufziehen des Nachwuchses und das generationsübergreifende Miteinanderleben, also unser menschenartgerechte Sein, das durch die Mütter garantiert wurde.
In diesen naturgemäßen Lebenskonstellation hat sich wohl die, einst und heute noch wie eh und je wirksame, Intuition gebildet.
Natürlich ist der Gebrauch (die bewusste Wahrnehmung) unserer Intuition, genau wie das Denken, auch eine Übungssache. Wir müssen lernen unsere Körperreaktionen zu deuten. Nachdenken, überhaupt Denken ist wichtig in der Welt in der wir leben, aber wir dürfen unsere Gemütsbewegungen, Empfindungen und Gefühle sowie Affekte, weder außer acht lassen, noch unterdrücken. Mehr denn je, werden sie heutzutage mit tausenden zivilisatorischen Eindrücken und widersprüchlichen Erfahrungen überlagert.
Die Intuition diente dem körpereigenen Verbundnetz auf die Außenwelt möglichst angemessen zu reagieren - angemessen im Sinne des Selbsterhaltes.
Intuition ist keine Entscheidung des Herzens, sondern sie sitzt tiefer. Sie ist das Bauchgefühl, das unter anderem dem sogenannten ersten Eindruck seine Bedeutung verleiht. Für viele ist sie die wichtige Entscheidungshilfe. Sie ist immer da und wird meist unbewusst genutzt. Sie gibt den Ausschlag für oder gegen eine Entscheidung oder macht es uns leichter, wenn wir in einem Dilemma stecken.
Die Intuition ist sozusagen die Ursteuerung, zu der immer noch die Erfahrungswerte aus unserem Lebens als Person hinzukommen.
Unsere Intuition, die aus den Tiefen der Urzeit stammt, will dass wir auf der sicheren Seite sind - sie ist eine Überlebensstrategie, ein Teil unseres elementaren Lebenserhalt. Aber wenn wir aus welchen Gründen auch immer gewisse Risikogrenzen - freiwillig oder fremdbestimmt - überschreiten, sorgt in der Regel unsere Intuition dafür, dass wir blitzschnell abwägen, wie weit wir noch gehen können oder sollten.
Wenn diese Notbremse allerdings nicht mehr funktioniert, wenn wir auf unser Bauchgefühl nicht mehr hören und daher auch die Ahninnen uns nicht mehr durch unsere Ahnungen beschützen, dann sind wir vielleicht nur noch ein Spielball der Ereignisse ...tja und dann rechnet unser Intuitionsnavi solange, bis er eine neue Route aus dem Schlamassel gefunden hat. Da unser Navi dafür da ist, dass wir weiterhin einen möglichst sicheren Weg beschreiten, schlägt er uns dann in der Regel vor: Wenn möglich, bitte wenden... 
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30 Juni 2014

Monatsrückblick...

 ... der Juni 2014 hätte auch größtenteils ausfallen können ...

Gelesen: 'Misogynie – Die Geschichte des Frauenhass' von Jack Holland und 'Die Bogenschützin' von Martha Sophie Marcus (meine Lieblingsautorin aus Lüneburg)

Gesungen: … das Singen war mir etwas vergangen...

Gehört: …. Tine Mai und Indila ...

Gesehen: … relativ wenig...nichts blieb mir im Gedächtnis hängen ...

Getrunken: … literweise Leitungswasser ...

Gegessen: … den letzten Spargel, viele Erdbeeren, knackige Kirschen vom Baum ...

Gekocht: … wenig und einfach - Pellkartoffeln und Quark, Gemüsesüppchen, Buchweizengrütze ...

Gebacken: … zählen Kartoffelplätzchen auch?

Gefreut: … über das skypen mit der Enkeltochter in Pittsburgh, Pennsylvania und über ein ganz besonderes Telefonat ...

Gelacht: … wenn ich mir recht überlege, hatte ich diesen Monat nicht viel zu Lachen … aber ich denke, mein sonniges Gemüt lässt mich nicht untergehen...

Geärgert: … über meine Sommererkältung, den Dauerschnupfen und meine entzündete Zahnwurzel ...

Genäht: … ich habe die Nähmaschine verliehen ...

Gestrickt: … keine Nadeln, keine Wolle, keine Geduld... lieber gezeichnet ...

Gekauft: … Geschenke... und eine lang gesuchte DVD (gebraucht) für mich ...

Gespielt: … mit Playmobil, draußen war einfach zuviel schlechtes Wetter ...

Gefeiert: … zweimal Enkeltochtergeburtstag - einmal sieben und einmal fünfzehn Jahre.... ach sie werden so schnell groß ....

Gefühlt: … Trauer um den verstorbenen Sohn einer Freundin ...

Geknipst: … ein paar Blüten und Blumen und nur einen gescheiten Sonnenuntergang ....

Das Motto des Monats: Auch 30 Tage Juni gehen irgendwann vorüber ...

... bis auf das Motto habe ich den Rückblick von Schäfchens Sandsack - Blog ... Danke!

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09 April 2012

Mitternachtsgedanken im April


Avatar ...
ohne Frage ein fantastischer Film, eine offensichtlich computertechnische Meisterleistung und selbst auf dem Bildschirm eines mittelgroßen Fernsehers noch beeindruckend. Der Entwurf der natürlichen Umwelt auf Pandora ist wild und mysteriös, ein urtümlicher Wald in zarte Farben mit vielen sanften Blautönen und Rosa und trotzdem Dschungelgrün. Aber wer, um Pandoras Willen, hat nur diese zum Erbrechen bekannten Darstellungen des sozialen und gesellschaftlichen Filmmilieu kreiert? 

Die erste Begegnung des Protagonisten (ein desillusionierter Held mit einer an Kadavergehorsam grenzenden Machobildung und einem sanftmütigen humanen Kern) mit einer einheimischen Jägerin, verläuft wie schon hundertmal variiert. Als er sie fragt, wer sie ist, habe ich als Antwort eigentlich „Pocahontas“ erwartet. 

Überhaupt geben sich die Na’vi alle wie übergroße blaue Indianer. Und zwar solche, wie wir sie von Karl May Verfilmungen her kennen, die aufgepeppt wurden durch Flugkünste aus Dinotopia und trillernden Tarzanschreie. Im Prinzip ist auf Pandora fast alles so, wie auf der guten alten, patriarchalen Hollywood – Erde. 

Die Tochter der Na’vi, ein menschenähnliches, indigenes Volk auf Pandora, hat einen Vater, der so was wie ein Kriegerhäuptling ist, während ihre Mutter als die spirituelle Führerin des Clan auftritt. Sie scheint auch als einzige den Grips zu besitzen, sich der Unterstützung des Fremden zu versichern in dem Kampf, der nicht mehr zu vermeiden ist. Wenn das Volk nicht untergehen will, sollte man seinen Feind, dessen Waffen und Taktik kennen. Schließlich hat dieses eingeborenen Volk der zerstörerischen Technologie der Fremdlinge von der Erde scheinbar nichts entgegenzusetzen. Sie brauchen den militärisch ausgebildeten Strategen, der weiß wie Feuer mit Feuer zu bekämpfen ist. Was dann auch letztendlich zu einem fragwürdigen Sieg führt.

Doch trotz des Sieges stelle ich mir vor, dass die Welt der Na’vi unwiederbringlich mit dem patriarchalen Gift der Gewalt und der Intrige, der dahintersteckenden Gier und Empathielosigkeit kontaminiert wurde. Was mag wohl der Baum der Seelen für die Nachkommen der Na’vi bewahren, nach diesem böswilligen Eingriff in ihre Welt? 
Dass es Wesen gibt, deren Denkungsart und Handeln sich über alles hinwegsetzt und der Kampf gegen diese gefühllosen Mächte alle Beteiligten in deren Sumpf mit hineinzieht?

Gezeigt wurde letztendlich das unerträgliche Klischee eines Heldenepos und ich habe den Eindruck der End - Kampf um das sogenannte Gute und die Gerechtigkeit wird immer härter, immer gnadenloser, zieht sich immer länger hin. Es ist alles erlaubt um die Gegner und zuletzt den gewissenlosen Bösewicht zur Strecke zu bringen. Interessant war auch, dass die Dramaturgie die beiden Erdenfrauen, die zu dem kleinen Trupp gehörten der den Widerstand unterstützte, im Kampf umkommen lässt, während dem Helden eine Transformation geschenkt wird, die ihn endgültig zu einem Angehörigen der Na’vi macht. 

Jedenfalls konnte ich den Film weder genießen, noch haben mich die spektakulären Bilder ausgesöhnt. Die Grundaussage war schrecklich bis deprimierend. Das patriarchale Grundmuster wird kompromisslos überall hinein transportiert und eine wirklich andere Welt, ohne eine Väterhierarchie und pseudoschamanischen Schnickschnack können sich die maskulinen Filmemacher einfach nicht vorstellen. 

Von den höllischen Gewaltexzessen, ohne die ein solcher Film heutzutage offensichtlich nicht mehr auskommt, will ich gar nicht mehr sprechen, nur so viel dass hier die beliebte Botschaft platziert wird: auch wenn wir alles zerstören, was essentiell und wertvoll ist und die bestehende Welt zu Grunde geht, es gibt immer irgendeinen Messias, der gerade soviel korrigiert, das ein paar Überlebende weitermachen können wie bisher!

Ich denke, ich muss dringend fasten: mindestens vier Wochen keine Blockbuster mehr!


17 Februar 2012

Metapher

Da das Blogschreiben bei mir gerade brachliegt, greife ich mal zu einem alten Entwurf, den ich beim Aufräumen gefunden habe. Er stammt aus einer Zeit, als ich beim morgendlichen fünfzig Worte schreiben, feststellte: Metaphern passen nicht immer oder sind manchmal schlicht weg falsch... 

Kennt jemand noch den kratzigen Song aus den Anfängen der Achtziger: Die weißen Tauben sind müde? Und weiter ging es mit: ... sie fliegen lange schon nicht mehr, sie haben viel zu schwere Flügel und ihre Schnäbel sind fast leer - Jedoch die Falken fliegen weiter, sie sind so stark wie nie vorher und ihre Flügel werden breiter und täglich kommen immer mehr... 

Dieser schlichte und kulturkritisch - poetische Text, versehen mit einer noch schlichteren, eingängigen Melodie, traf damals den Nerv der Zeit und auch heute scheint er irgendwie immer noch passend. 

Es ist dieser Ausdruck einer gewisse Endzeitstimmung, die immer mal aufflammt, eine Metapher zum Niedergang einer friedvollen Weltgesellschaft, welche jedoch, wenn wir es genau nehmen, zu keiner der patriarchösen Zeiten je wirklich existiert hat. Der Text ist so was, wie die Beschreibung des aussichtslos scheinenden Kampfes gegen das Geflecht der kapitalistisch - militaristischen Kräfte: Die übermächtig daher kommenden Falken nehmen den harmlosen, friedlichen Tauben den Lebensraum und die weiße Friedenstaube ist zum Sterben verurteilt. 

Ein bestechendes Sinnbild bestimmter politischer Verhältnisse. Aber... ein falsches Bild!

Als dieses Lied einst veröffentlicht wurde, waren es eher die Falken und die anderen Greifvögel, die in Gefahr waren vernichtet zu werden. Vom Aussterben bedroht durch hemmungslose menschliche Ausbreitung und durch die typische gezielte Vernichtung bestimmter Arten. 

Das Anlegen der großräumigen, landwirtschaftlichen Nutzflächen zerstörte all die natürlichen, wilden Bedingungen, die eine Greifvogelpopulation braucht um ihre Jungen aufzuziehen und die Art zu erhalten. Menschliche Kultur zersiedelt natürliche Lebensräume und fördert oder erhält nur die Tierarten, die erst einmal in keine Konkurrenz zum Menschen treten. Und so haben es eher Luchs und Wolf und Bär schwer einen artgerechten Lebensraum zu finden. Wildtiere, ob klein oder groß, Raubtiere, Greifvögel werden seit einiger Zeit erst wieder geduldet und auch unter Schutz gestellt, um als Arten in unseren Breiten erhalten zu bleiben. 

Ja... und so sind es die Tauben, die sich bis jetzt besser behauptet haben. Sie ernähren sich üppigst von den Abfällen der menschlichen Gesellschaft. Sie werden gefüttert und nisten fast überall unbehelligt in menschlichen Siedlungen, so dass sie sich explosionsartig vermehren können in der von Menschen geschaffenen Zivilisation. Vielleicht hätte dieser Text besser so lauten sollen:

Die wilden Falken sind müde,
sie fliegen lange schon nicht mehr
sie haben viel zu wenig Freiheit
und ihre Schnäbel sind längst leer.
Jedoch die Tauben kreisen weiter,
sie sind jetzt stark wie nie vorher
und ihr Welt wird immer breiter
und täglich kommen immer mehr!
Nur wilde Falken fliegen nicht mehr...

Und die Grundaussage wäre mit diesem Refrain, so finde ich, weitaus zutreffender.



09 Januar 2012

Verständnis

Das Jahr fängt spät an, auf meinem Alltagsblog.
Manchmal ist es schwer aus der eigenen Mitte heraus all jene zu erreichen, die wie geschlagene Tennisbälle an mir vorbeizischen, abprallen und sofort in eine andere Richtung unterwegs sind. Kommunizieren durch Zurufe ist kein Gespräch, keine Unterhaltung. Das miteinander Sprechen ist heute nicht mehr so einfach. 

Vieles an Wissenserwerb findet heute über das geschriebene Wort statt. Früher
wurde zu Bewahrendes ausschließlich von Mund zu Mund weitergegeben. Aber Lesen macht auch schlau, wenn man damit umgehen kann. Doch bei der einseitigen Kommunikation des geschriebenen Wortes - wir nehmen die Gedanken einer nicht anwesenden Person auf - brauchen wir anschließend Zeit, das Gelesene zu reflektieren, zu verarbeiten. Aber gehen wir deshalb in den Dialog mit dieser Person? Höchst selten (ganze drei Frau kenne ich persönlich, deren Bücher ich gelesen habe). Vielleicht kreisen unsere eigenen Gedanken eine zeitlang in den Theorien oder Fantasien der Schreibenden. Ein Gespräch ist es nicht.
 
Das Sich-Austauschen hat moderne Formen angenommen. Das Telefonieren nimmt bereits einen großen Raum im Kommunikationsleben ein (in meinem jedenfalls). Aber auch hier ist es eine distanziertes Gespräch. Mimik und Gestik des Gegenübers entfallen. Einzig die Stimme vermag einen körperlichen Ausdruck, der für ein richtiges Gespräch so wichtig ist, zu transportieren. Ich versuche stets all meine Gefühlslagen in die Stimme zu geben, so dass für die Gesprächspartner meine oft sachlichen Formulierungen und Ausdrucksweise durch die Wärme meiner Stimme unterstützt werden. Wortwahl und -kombination der Inhalte eines Dialogs haben viel (oder alles) mit der eigenen Konditionierung, der Offenheit der Gedanken und der allgemeinen zeitgemäßen Umgangssprache zu tun. Trotzdem klappt eine Verständigung nicht immer. Manche haben einfach kein passendes Übersetzungsprogramm im Hintergrund laufen (ich wünsche mir oft, ein jedes hätte einen Babelfish im Ohr).
 
Einander nicht verstehen, hat jedoch nicht nur was mit der geschriebenen oder verbal geäußerter (Mutter)Sprache zu tun . In der Konfrontation mit einem anderen Menschen kann eine Fremdsprache nonverbal überbrückt werden - durch Handzeichen, Lächeln, Blicke, Körperhaltung, durch den Klang der Stimme - selbst wenn wir das gesprochene Wort nicht enträtseln können. Es ist jedenfalls hilfreich sich dem Gesprächsteilnehmer wohlwollend zuzuwenden, das Herz zu öffnen, bereit zu sein zu verstehen und im Miteinander kann es geschehen, dass Verständnis zur tragenden Energie zwischen beiden wird.
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31 Dezember 2011

Ein Wunderbares 2012 Für Alle




 Es grüßen euch herzlich die großen Tiere des Hannover WinterZoo

und natürlich auch die kleinen... 



... und hier der geheimnisvolle Orakelblick auf den Flamingo - See  
und in das Neue Jahr! 




15 November 2011

Worthülsen, Engel und Mütter

Worthülsen, so finde ich ist ein interessanter Begriff - inflationsartig angewendete Bezeichnung eines mainstreamigen Begriffs, der allen bekannt ist und unter dem sich doch jeder etwas anderes vorstellt...

...nun kenne ich derer ja viele: Liebe, Esoterik, Freiheit, Glauben, Frieden, vielleicht auch Patriarchat und Matriarchat! Es sind Worte, die wie Schlagzeilen im Raum stehen und jede weiß was sie bedeuten und hat doch deutlich andere Emotionen als die Nachbarsfrau bei jedem der Begriffe.

Das Problem kennen wir von allen abstrakten Begriffen, Worte die einen Zustand ausdrücken, der von allen völlig verschieden wahrgenommen wird. Um so größer ist dann unsere Freude, wenn wir mit anderen eine Übereinstimmung bestimmter Gefühlslagen feststellen. Ein abstrakter, ein ideeller Begriff, ist immer auch einer gewissen persönlichen Beurteilung unterworfen, im Gegensatz zu den konkreten Gegenständen oder den körperlich fühl- und sichtbaren Seinszuständen.

Als die Sängerin Nicole bei einem weit zurückliegenden Grand Prix über ein „bisschen Frieden“ sang, wurden Stimmen laut, die das „bisschen“ monierten – das gäbe es nicht: ein bisschen Frieden, ebenso wenig, wie ein bisschen Schwanger.

Ich bin war nicht der Meinung, denn Schwanger sein ist ein ganz konkreter biologischer Seinszustand, welcher allerdings von den Nicht-Betroffenen nur mit gefühlt, aber nicht erlebt werden kann. Wo hingegen Frieden, wie gesagt ein abstrakter Begriff ist, der an bestimmte äußerliche Bedingungen und eine jeweils empfundene Gefühlslage gebunden ist. Was ich beispielsweise unter Frieden verstehe, ist mehr als nur das maskuline Verständnis: zur Zeit laufen keine Kampfhandlungen.Meine Vorstellung von Frieden läuft mehr in Richtung von totaler Idylle. Ich denke, unter Frieden verstehen sehr viele verschiedene Menschen, sehr viel verschiedene Lebensumstände.

Doch gehen wir mal einen Begriff an, der so eine Art Zwischenphänomen bildet – wie Engel. Für die eine, ein durch und durch abstrakter Begriff, fern ab von empirischer Beweisbarkeit und für die andere eine selbstverständliche Existenz, wenn auch wissenschaftlich nicht wirklich nachweisbar, wie immer noch vieles auf der Welt.

Das Pantheon, der nicht materiellen Wesen, das uns Menschen schon immer umgab, gehört auch in unseren modernen Zeiten und vielleicht mehr denn je, zu unserem Leben als ständige Begleiter. Feen, Engel, Teufel, Elfen, Kobolde, Götter, Dämonen, der Osterhase und der Weihnachtsmann. Alle sind anerkannte Mitbewohner unserer Welt und gehören vor allem zum geistigen Kosmos des Menschen, obwohl ich nicht behaupten möchte sie seien irreal – da darf nun mal jede denken was sie will.

Menschenmütter hatten schon immer innige Beziehungen zu den Geistern der Natur und was wir selbst so überaus stark spüren ist nun mal auch eine Realität für uns. Wir können uns daher auch nicht wirklich unser besonderes Empfinden gegenseitig zum Vorwurf machen und auch nicht die guten Absichten, die von anderen Frauen vielleicht nicht so verstanden werden, wie sie gemeint sind. Da stoßen wir oft an die berühmte Sprach- und Definitionsbarriere.

Gerade die Verbundenheit mit der Natur, die von so vielen Frauen gleich oder ähnlich intensiv gefühlt wird, ist ein Muttererbe, eine Weitergabe unserer Ahninnen, eine Menschenkompetenz. 

Ich habe mit dem Begriff Engel auch so meine Probleme, da es sich dabei um ein, von diversen patriarchösen Religionen hoffnungslos vereinnahmtes Wort handelt. Aber ich kann trotzdem mit der gelegentlichen Aussage und Anwendung anderer oder ihren Auseinandersetzungen mit der Idee „Engel“, leben. Meine Mutter glaubte noch, dass mir als Kind ein Schutzengel beistand und ich finde ja, er hat gute Arbeit geleistet. Denn neben dem netten Engelchen, stand mir vor allem meine Mutter zur Seite ...

28 Mai 2011

vom Hölzchen aufs Stöckchen

... für den folgenden Text wurde ich heftigst gescholten, wobei "unverständlich" noch das Freundlichste war. Ich entlasse die Worte trotzdem in die Zeit, denn ich stehe hinter jedem einzelnen:


Das Bestreben eines jeden Menschen kann unglaublich verschieden sein, unvereinbar mit den anderen erscheinen... die Grundbedürfnisse sind jedoch eigentlich durchaus auf einen Nenner zu bringen. Die bloße Existenz ist den meisten zu wenig und „besitzen“ wir nichts, gehören wir auch schnell mal nicht mehr dazu.

Das Bestreben eine Nivellierung an Gruppenniveau zu erreichen, ist ein Art Trieb des Individuums. Wir haben einen Drang zur Angehörigkeit (ursprünglich die sogenannten Blutsbande), wir müssen also (irgendwo) dazu gehören und diese schützende Gruppe sollte möglichst stark sein.

Das mündige (oder wirtschaftlich autarke) Individuum ist jedoch nicht immer in der Lage oder Position aus den vielen Gruppierungen, welche die weltweite Gesellschaft bereit hält, auszuwählen oder ihr einfach beizutreten. Wir werden entweder hineingeboren oder müssen uns später den Platz in einer der vielen heutigen Gruppierungen erarbeiten oder erkämpfen.

Offenheit und Wohlwollen einer Vision gegenüber, die von ursprünglichen, natürlichen und somit humanen Verhältnissen im Menschenverständnis spricht, sollte doch selbstverständlich sein, aber der allerortenspürbare Widerstand erscheint mir unvernünftig hoch. Der Herdentrieb, der uns durch eine Über - Hierarchisierung antrainiert wurde, lässt die Menschen mitunter wie Lemminge reagieren.

Es geht um die (lebenslange gegenseitige) Verantwortung für die uns Angehörenden, die dem Menschen und vor allem dem weiblichen, über einen sehr langen Zeitraum von diversen mächtigen Herren regelrecht ausgetrieben wurde. Zu diesem Herrenbegriff gehört allerdings ebenso der Vater, wie der männliche und zu allem Überfluss monotheistische Gott, der Ehemann oder der Arbeitgeber und von uns gewählte Politiker. 

Wir, die wir doch eigentlich von unserer Spezies her gruppenhaft und mütterbezogen organisiert sind, lassen uns vereinzeln und werden seit Generationen dazu angehalten, die eigenen Interessen und dazu gehören immer auch unsere unmittelbaren und blutsverwandten Mitunslebenden, zu verraten. Solange der Mensch bereit ist die Verantwortung für sich und die Seinen abzugeben, wird es schwer sein, das bestehende Herrschaftssystem zu durchbrechen, welches nachhaltig in menschliche Hirne etabliert wurde.

Diese Mischung aus besagtem Herdentrieb und Stockholmsyndrom beherrscht immer noch das Leben der Frau in unserer (Welt)Gesellschaft. Dass heißt, die etablierte Macht verknüpft mit prinzipiell vorhandener, drohender Gewalt lässt die Frau oft nur vorsichtig oder eingeschränkt agieren.

Die Spaltung zwischen Wirtschaft, also dem Arbeitsleben und der Erwerbsarbeit am lebendigen Menschen, auf der einen Seite und dem diffus definierten, privaten Bereich, mit dem hohen Zugriff der Freizeitindustrie auf der anderen Seite, wird immer weiter voran getrieben. 
 
Jedenfalls kämpfen Feministinnen zur Zeit immer noch um das Privileg, die (Arbeitsplatz) Falle des ausschließlich privat-häuslichen Bereichs verlassen zu können, wodurch damit endgültig diese ominöse Spaltung zementiert würde...

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15 Mai 2011

MüM

... ist hier nicht die Abkürzung für Meter über dem Meeresspiegel, sondern für:

Mitternachtsgedanken über Müll

Luisa Francia schreibt, dass ihr manchmal verübelt wird, wenn sie anderer Leute Müll fotografiert. Bisher bin ich selbst noch nicht auf die Idee gekommen Müll zu fotografieren. Aber ich werde damit bei meinem Müll anzufangen. Außerdem finde ich Müll im Erinnerungskosmos und im Blick auf eigenes zukünftiges Verhalten auch recht spannend.

… als ich noch ein Kind war, gab es keine Müllabfuhr auf unserem Dorf. Was haben wir damals eigentlich mit unserem Müll gemacht? Gab es überhaupt so etwas wie das, was wir heute als Müll bezeichnen?

Doch irgendwie schon. Alles was brennbar war, wurde verfeuert. Das vorrangige Verpackungsmaterial war Papier. Der heute sogenannte Biomüll kam auf den Kompost oder den Haustieren zugute. Für manche Einkäufe brachte man eigne Behältnisse mit, Milch kam in die Kanne, später gab es (Pfand)Flaschen. 
 
Ziemlich weit außerhalb von unserem Dorf lag eine Schutthalde. Dort konnte jeder abladen was sich im Haushalt nicht mehr verwenden ließen – Kleinschrott, zerbrochene Gegenstände, kaputtes Spielzeug, alte Möbel, Farbtöpfe! Sondermüll war noch ein unbekannter Begriff. 

In größeren Abständen belud mein Vater unseren soliden Holzhandwagen mit Ehrlichgesagtichweißnichtwas und ich trabte neben ihm her die Landstraße entlang. Wenn wir zurückkamen hatten wir je nach Jahreszeit und Sommerwoche Fallobst dabei und bestimmt auch irgendwas, was wir auf der Müllkippe gefunden haben und mit zurück nach Hause nahmen. 

Dieser Abladeplatz war eine ehemalige Kiesgrube und ziemlich weitläufig. Auf dem Grund gab es Schilf bestandene kleine Teiche mit Fröschlein und auf den Steinen sonnten sich Eidechsen. Ich habe diese Müllfahrten in guter Erinnerungen, denn natürlich zogen wir nur bei allerbesten Wetter los. 

Später kam bei den Staatslenkern die Idee auf die wertvollen Rohstoffe wieder der Wirtschaft zuzuführen. Schüler mit und ohne blaue Halstücher gingen von Haustür zu Haustür fragten nach Altpapier und Glas. Meist lagen die verschnürten Bündel schon griffbereit. Irgendwann gab es auch Sammelstellen, an denen man Gläser und Flaschen abgegeben konnte und sogar Geld dafür erhielt. 

...für Foto extra gesammelt!
Heute hat Müll eine Dimension erreicht, die ich erstaunlich und manchmal beängstigend finde. 

Wenn ich so sehe, was allein in meinem Einpersonenhaushalt alles anfallen kann. 

Obwohl ich mich wirklich grundsätzlich bemühe Müll zu vermeiden, ist das Entfernen des wöchentlichen Müllaufkommens ein ständiger Punkt auf der ToDo-Liste. 



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28 April 2011

FamilienWochenEnde


… es hat geklappt! Dieses Wochenende trifft sich meine ganze Familie. Vorbereitet von langer Hand und per Internet, weil alle Kinder noch Ferien und die Großen sich die Zeit frei geschaufelt haben. 
Zehn Erwachsene und zehn Kinder...!

Ich werde drei Tage am Stück alle meine Enkelkinder gleichzeitig erleben. Die dazu gehörigen Eltern, sprich meine vier Kinder und ihre Lebenspartner, werden sich nach längerer Karenz auch wiedersehen und sich über ihr buntes und aufregendes Familienleben, ihre Arbeit, vielleicht das Weltgeschehen austauschen und dabei viel Spaß haben!

Wir werden einen Geburtstag feiern, in den Mai tanzen, grillen, spielen, toben, Tiere streicheln (wir sind auf einem dieser netten Ferien-Bauernhöfe), durch den Wald strolchen und unsere Jüngste (sechs Monate) herumreichen. Und ich werde wahrscheinlich vor Glück durchdrehen...

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27 März 2011

Mitternachtsgedanken im März

Der Verrat der Mütter 

… immer wieder fühlen sich Töchter, zu Recht, von ihren Müttern im Stich gelassen, nicht wahrgenommen oder gar verraten. Es scheint, als hätten die Mütter dieser Welt Schuld ohne Ende auf sich geladen bis hin in unsere Gegenwart. Eine Art Erbsünde, ein Teufelskreis, der schwer zu durchbrechen ist. Immer wieder versagen sie, die Mütter. 
 
Sie sind gleichgültig, wo das Kind ihrer Aufmerksamkeit bedarf. Sie klammern, wenn das Kind frei sein möchte. Sie gehen arbeiten, wenn das Kind sie braucht, sie hocken zu Hause rum, wenn das Kind auf eine taffe Mutter stolz sein möchte. Sie arbeiten dem Vater zu und vergessen ihr Kind zu schützen. Sie vernachlässigen, sehen weg, verdrängen, verletzen oder töten gar. 
 
Wenn der ins Heute zivilisierte Mensch „Mutter“ hört, schwingen irgendwie auch immer gleichzeitig alle gruseligen Pressemeldung über die versagende Mutter mit. Ich habe, selbst unter Müttern, noch keine Diskussion über die starke oder auf verlorenem Posten kämpfende Mutter erlebt, in der nicht nach kürzester Zeit das Bild hin zur schwachen und verantwortungslosen Mutter korrigiert worden wäre.

Mütter scheinen die größten Egoisten aller Zeiten zu sein, wo es doch ihre Aufgabe wäre, sich in Selbstlosigkeit aufzulösen. Nicht einmal die unendlich vielen Frauen, die täglich ganz selbstverständlich für das gute Gedeihen, die Gesundheit und angemessene Entwicklung ihre Kinder sorgen, machen vergessen, dass die Mutter im gesellschaftliche Fokus eine zweifelhafte Erscheinung ist.

Unsere Mütter gehören unserer Vergangenheit an, selbst wenn sie noch am Leben sind. Und das ist es, was wir verstehen müssen. Das Gestern umfasst Millionen von Jahren und in dieser Zeit ist verdammt viel passiert...

Der immer wieder gern zitierte Verrat der Mütter an den Töchtern, ist gleichzeitig auch ein Verrat an den Müttern.

Nur wenn sie völlig selbstlose Mütter sind oder zu einer Art Gebärmaschine werden, die ihre Kinder dann einer Vater-Gesellschaft überantwortet, dürfen sie sich mit Attributen schmücken wie gut und liebevoll, aufopfernd und hingebungsvoll. Das rührselige Mutterbild, der etwa letzten zweihundert Jahre, hat manche Frauen wie eine Droge betäubt und andere herausgefordert.

Auflehnung gegen die geistige (und körperliche) Gefangenschaft als Frau im christlichen Abendland bedeutete auch gegen Gesetzeslagen anzugehen. Wie eine Familien geführt werden soll, in der nicht nur die Kinder, sondern auch eine Mutter zu gehorchen hatte, ist nicht nur als Empfehlung von der Kirche herausgegeben worden, sondern war bis ins Strafrecht hinein festgeschrieben. 
 
Die Jungfrau Maria, welche gleichzeitig als Gottesmutter verehrt wird, diente als Leitbild. Alle milden und gütigen und demütigen Aspekte sollten den nur allzu realen Alltag einer Frau mit Dreck und Schweiß und Tränen, Scheiße und Geheul und Blut, Erschöpfung und Schmerzen und Tod, einfach in eine Märchenidylle verwandeln. Gleichzeitig verliert die Frau mit ihrer Heirat oft völlig den Rückhalt ihrer Herkunftsfamilie. Den ihrer Muttersippe hatte sie längst verloren. Sie wurde Ehefrau, Schwiegertochter und Eindringling. Einen Status, den sie nur durch Anpassung, Arbeitskraft und Fruchtbarkeit aufwerten konnte.

Was bedeutete es, wenn ein Mädchen einem Manne zur Frau gegeben wurde?
Wie wurden Ehe-Arrangements unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten getroffen und wie wurde die Frau dabei geachtet?
Welche Auswirkungen hatte es für eine Menschenleben, wenn der Mann sich eine Frau erwählte mit oder ohne ihrem Einverständnis?

Die  verbindliche Ehe war früher den Familien mit Besitz vorbehalten und die Frau war dem Manne verpflichtet wie ein Bauer seinem Lehnsherrn. Es ist noch nicht so lange her, da stand dieser zum Prinzip erhobener Lebensentwurf auch noch unter dem für alle bindenden Motto: … bis dass der Tod euch scheidet. Bis das Paarbündnis als Grundlage der gesellschaftlichen Organisation zum Standard für wirklich Jeden erhoben wurde, vergingen Jahrhunderte. Die Zeiten, als Land- und anderer Besitz, sowie die Dauerpaarbildung keine Rolle spielte, liegt sehr viel weiter zurück.
 
Unabhängig davon, ob sich das Paar bis ans Ende ihrer Tage zugeneigt war oder nicht, die Kinder gehörten zum (dem) Vater. Nur wenn die Frau über eigenes Geld verfügte, erlangte sie zu eine Art Ansehen, dass nicht ausschließlich über den Status ihres Gatten definiert wurde. Nach dem Mittelalter verhinderten die meisten Gesetze eine finanzielle Unabhängigkeit des Weibes. Die Mutter der Kinder war vollkommen abhängig vom Ehemann und Vater der Kinder. Und diese Abhängigkeit wurde ebenfalls zum Idol erhoben.

Die heutige Forschung ist grad an dem Punkt der Erkenntnis angelangt, dass bei einer freiwilligen, einvernehmlichen Paarung das Immunsystem der Frau den Ausschlag gibt, welchem potentiellen "Erzeuger" ihres Kindes sie den Vorzug gibt. Man nennt es Female Choice und es ist ein evolutionsbedingter Effekt. Wenn Frauen nicht Mütter würden, gäbe es keine Menschen. Und sie wurden es, immer wieder, selbst unter den unerträglichsten (gesellschaftlichen) Bedingungen. 

Mütter lassen, ob mutterseelenallein oder in Gemeinschaft, ihren Kindern die grundlegende Fürsorge angedeihen, das ist ein genetisches Programm. Die Qualität dieser Fürsorge hat weniger mit den Fähigkeiten der einzelnen Frau zu tun, sonder vor allem mit dem Status den eine Mutter in der Sozialgemeinschaft einnimmt. Die Vergangenheit mit den ihr eigenen Zwängen und Chancen für die, in ihr lebenden Frauen zeigt, welche Kraft eine Mutter haben kann.

Meine Mutter hat acht Kinder aufgezogen und sie ist Ahnin meiner Kinder und Kindeskinder. Aber was wusste ich wirklich von ihren Kämpfen und Niederlagen, ihren Freuden und Sehnsüchten, ihren Ängsten und Schmerzen, von ihrer Einsamkeit und ihren Bündnissen, der Zeit der zwei Kriege, die ihr kostbare Jahre raubten? Jetzt, aus der Sicht der langen Jahre ohne sie, habe ich nichts mehr zu rechten oder anzuklagen. 

Mutter und Kind sind sich gegenseitig das Kostbarste im Leben - was ist daraus geworden?

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26 Februar 2011

Mitternachtsgedanken im Februar

Gesponnenes Gold

… bin ich neidisch auf Männer? 
Doch, manchmal schon, wenn sie mehr Haare als ich auf dem Kopf haben. Mein zartes, goldig und silbrig schimmerndes Haar fliegt zur Zeit überall in der Wohnung umher. Ich wundere mich, dass ich überhaupt noch Haupthaar besitze. Oder fällt es mir einfach mehr auf, seit es länger gewachsen ist? 

Mal abgesehen davon, dass mein einzelnes Haar zu der sehr dünnen Sorte gehört, waren es trotzdem in der Gesamtsumme scheinbar auch nie besonders viele. Als Kind hatte ich dünne Zöpfchen, meist mit recht großen, eingeflochtenen Schleifen am Ende. Beim morgendlichen Kämmen vor dem In-die-Schule-gehen, war ich meiner Mutter immer sehr nahe und habe dabei auch gleich ihre Befindlichkeit zu spüren bekommen. 
 
Irgendwann kam dann, nach dem Abschneiden des flattrigen Gespinst, die erste Dauerwelle und seit da flüsterten mir eine Unzahl von konspirativen Friseusen ein, etwas anderes ließ sich mit den Haaren nicht machen. Ich hatte viele Jahre lang so ein merkwürdiges fremdbestimmtes Verhältnis zu meinem Haar.



Bis zu dem Tag und der ist erst wenige Jahre her, an dem ich beschloss keinen Friseursalon mehr aufzusuchen. Von Zeit zu Zeit setze ich selbst die Schere an, an Löwetagen und wenn ich unter Leute gehe, binde ich den spärlichen Wildwuchs mit einem dieser samtigen Riesenhaargummis zusammen. 


Ansonsten darf mein Haar wachsen, fliegen, statisch aufgeladen sein und auch mal platt herunter hängen. Aber, besonders nach dem Waschen und wenn das Licht günstig fällt, erfreue ich mich an der hauchdünnen, goldfarbenen Pracht, die andere höchstens als graublond bezeichnen. Meine Mutter, die eine ähnliche Haarfarbe ihr eigen nannte, sagte aschblond dazu.


Leider ist das Kapitel Friseur in meinem Leben immer noch nicht abgeschlossen. Jeden Donnerstag Vormittag bringe ich meine Schwester zur Friseuse ihres Vertrauens... waschen, schneiden, legen, färben, wickeln, kämmen... 

doch ich kann draußen bleiben! Und das ist gut so...



26 Januar 2011

Mitternachtspost im Januar


Neulich las ich in einem Kommentar, dass ein Künstler an sich zweifeln muss und die besten Werke von Zweiflern stammen...

Ob das wirklich so ist, möchte ich hier und jetzt doch einmal bezweifeln...

ich weiß, ich weiß, Zweifler(innen) haben so was bescheidene, sympathisches... Zweifeln, auf der Suche sein ist auch ein bisschen chic! Wir kennen ja auch alle den Spruch: Der Weg ist das Ziel! Immer ist noch etwas zu verbessern, immer sind wir noch nicht gut genug, müssen wieder und wieder hart an uns arbeiten. Gut, manches Mal mag es auch nötig sein, denn manch erzieherischer Drill und unnütze Verbildung haben uns verbogen und eingeengt und uns selbst entfremdet.

Aber muss es denn wirklich auf einen dauernder Kraftakt hinauslaufen, zerquält von Selbstzweifeln und auf der Suche nach dem Heil, das uns andere vorenthalten haben?

Wir können stattdessen den Tag
in dem Bewusstsein
verbringen, dass wir die Welt heilen, mit unserem Handeln, unserer Kunst, mit unserem Dasein!

Zweifel bedeutet doch, ich bin nicht gut genug für diese Welt! Und mache ich alles richtig? Werde ich von den Anderen akzeptiert? Aber gut und möglichst noch besser, muss ich doch nur sein, wenn ich gegen irgendwelche Konkurrenten antrete, wenn ich meine Arbeit möglichst gewinnbringend verkaufen muss, wenn mein Umfeld mich zwingt, mich ständig zu beweisen.

Eigentlich ist das doch so ein Männerding... währenddessen
scheint es ein Teil des weiblichen Existenzberechtigungsgefühl zu sein, sich immer ein wenig unwert fühlen zu müssen ... 
ich will das schon lange nicht mehr...

Nichts ist weniger willkommen, als eine Frau, die selbstbewusst auftritt und die sagt: Ich weiß genau, was ich will und was ich tue!

Wir sollten wirklich aufhören an uns selbst zu zweifeln, sondern unserer Intention freien Lauf lassen und damit glücklich sein. Da kann ich abschließend nur sagen: ...nicht Eine von uns hat wirklich einen Grund an sich zu zweifeln! 


Ich wünsche allen eine zweifelsfreie Zeit... und ganz besonders Dir!


Mitternachtsgedanken aus gegebenen Anlass...

31 Dezember 2010

Der Mantel der Zeit


Heute, haben wir wieder einen dieser besonderen Abende und ich berühre die Zeit, die jetzt so dicht, so greifbar ist. 

Das vergangene Jahr ist wie ein alter weiter Umhang, alltagsgrau, aber in den Falten in tausend Farben schillernd. Eine Schleppe, so lang, dass sie schon in Welle hinter mir die Treppe herabfließt.
Gewirkt aus dem geheimnisvollen, wandelbarem Material, das wir Stunden, Wochen oder Sekunden nennen und das mit dem Sonnenlicht wächst und in den Träumen die Erinnerungen speichert.
Oft genug unansehnlich in der undefinierbaren Färbung der Tristesse und Langeweile, mit verschlungenen Mustern, die für Andere nicht deutbar sind. Und dann wieder wild geblümt mit schönen und schaurigen Momenten im Tanz durch die Jahreszeiten.
Manches Mal lag dieser Mantel schwer wie nasser Samt auf meinen Schultern, so dass ich kaum von der Stelle kam und es kostete mich viel Kraft ihn zu schleppen. Doch dann wieder, war er trocken und leicht, wie ein seidiges Cape, das mich weich und schwerelos umwehte, so das mir dünkte, ich würde fliegen...
Heute Abend nun lasse ich dieses Cape von meinen Schultern gleiten. Ich werde später noch lange überall Fäden finden, die mich an diese bestimmte, meine gelebte Zeit denken lassen. Der abgelegte Umhang jedoch schwebt davon, wie eine bunte Wolke, um sich irgendwann unbemerkt nach und nach in der Ewigkeit aufzulösen...

… und morgen früh, wenn ich aufstehe, greife ich nach dem neuen, schmalen Plaid, das neben meinem Bett liegen wird, gewebt aus dem letzten Glanz der Sterne und dem ersten Morgenrot. Ich werde mich einhüllen, über das lockere Gewirk streichen, das sich nun wieder Tag für Tag ausdehnen und verdichteten wird - ein neues Jahr, der Bruchteil eines Aeons...


Ich wünsche Allen ein wunderbares und geborgenes 2011





10 November 2010

Es ist was es ist


Es ist was es ist, sagt die Liebe...
die lebenskluge Zeile von Erich Fried drückt einfach und selbstverständlich das Vorhandensein von Liebe aus.

Wenn von Liebe die Rede ist, und davon ist ständig die Rede, denkt man an junges Glück, Liebe mit der man alt werden kann oder Liebe, die auch weh tut. Kurzum, Liebe ist heute gedanklich und gefühlsmäßig überwiegend an Erotik, Sexualität und trauter Zweisamkeit gekoppelt... eventuell werden Kinder einbezogen. Wann hört man schon im Alltag von Erwachsenen Aussagen, wie „ich liebe meine kleine Schwester“ oder „ich liebe meine Mutter“? Wohl vergleichsweise selten, dann schon eher „meinen großen Bruder“… im Bekenntnis wird gewissermaßen eher von weiblich nach männlich oder von unten nach oben geliebt!

Liebe und Schmerz gekoppelt, ist immer auch ein todsicheres Konzept. Die Literatur lebt davon: sie kriegen sich, sie kriegen sich nicht, sie kriegen sich! Dann ist es ratsam aufzuhören um den happyenden Eindruck des beschworenen, beständigen Glücks nicht zu desillusionieren.

Liebe ist ein Gefühl und gegen Gefühle ist man machtlos! Das ist auch so eine der Botschaften, die uns von jeder Seite eines (Liebes)Romans, aus jeder Serie und fast jedem Spielfilm anspringen. Und wenn die Protagonisten alles Glück dieser Welt haben, ist es die große Liebe, die ein Leben lang hält, wenn der Autor es so will.

„Die Liebe“ ist wichtig wie nie zuvor in unserer Kultur. Sie scheint inzwischen der Dreh- und Angelpunkt des persönlichen Lebens mit entsprechenden Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben zu sein. Die wichtigste Kampagne in unser Lebensplanung und -führung ist, sich von den Angehörigen zu trennen und sich dann einen Partner zu suchen, um sich der lebensnotwendigen Liebe zu versichern. Es gilt jemanden zu finden, der uns als Individuum liebt, was und wie wir sind und den wir natürlich auch lieben können. Denn wie gesagt, wir alle brauchen die Liebe. Eigentlich ist dieses kleine Wort ein Synonym für das Wirkungsfeld, in dem der Mensch am besten existiert. Liebe ist der Oberbegriff für Nähe und Zuwendung, Geborgenheit und Herzenswärme, Schutz und Zuverlässigkeit, Geben und Nehmen, auch für innige Verbundenheit und Erotik.

Im allgemeinen Fokus scheint mir die Liebe jedoch ständig ihre fürsorgenden Komponenten zu verlieren und bloßer Ausdruck von zwischenmenschlicher Sexualität zu sein. Und manchmal wird im Sprachgebrauch sogar etwas als Liebe bezeichnet, was nichts weiter ist als rohe Gewalt.

Was ist die Liebe? Eine chemische oder hormonelle Reaktion? Eine menschliche Interaktion zum Wohle der Beteiligten? Eine spirituelle Dimension? Ist sie einfach nur die innige Bindung zwischen sich nahe stehenden Menschen? Oder die essentielle Grundlage menschlichen Zusammenlebens und Zugehörigkeit?

Ist sie was ist, die Liebe...?