02 Januar 2013

Sieht das neue Jahr schon alt aus?

Heuer steht für mich dieses beginnende, frische, junge Jahr im Zeichen der Alten

Nicht weil ich jetzt Rente bekomme oder zum elften Mal Großmutter geworden bin, sondern weil ich vor allem sehe, mit welcher Vehemenz die Frau der heutigen Tage immer noch bemüht ist das sichtbare und gefühlte Älterwerden aus ihrem natürlichen Reifeprozess und ihrem Bewusstsein zu verdrängen. In bestimmten Kreisen wird zwar ganz locker mit den Synonymen des offensichtlichen weiblichen Lebenszyklus umgegangen - da sind wir noch immer die Junge, die Mutter, die Alte - aber bitte nur theoretisch.
 

Zur Zeit scheint es nur zwei Kontinente zu geben: „Jung“ und „Alt“ – der dritte, auf dem bisher das eigentlich Leben stattfand, ist dahingeschmolzen. Für dieses Dazwischen gibt es irgendwie keine treffende Nomenklatur mehr in unserem modernen Sprachgebrauch. Der Kontinent der Jugend ist quasi überfüllt, denn „alt“ möchte niemand werden und so manch Alte, einmal in die Wartezone auf den Tod übergesetzt, erlebte die Realität der Altersausgrenzung und eine gefühlte Verbannung. 
 
Forever young – Jungsein, hier und heute, ist toll! Und es bietet alle Möglichkeiten, besonders wenn diese Lebenshaltung bis ins hohe Alter ausgedehnt werden kann. Die Mutterphase wird, wenn überhaupt, als kurzzeitige Etappe angesehen und das richtig Altsein liegt noch mit fünfundsechzig in utopischer Ferne. Nach einem arbeitsreichen Dasein und der Aufzucht des Nachwuchses möchte schließlich auch die Frau noch was von ihrem Leben haben. Dieses „endlich Leben wollen“ ist der jahrelang vertagte Wunsch aus der Fremdbestimmung unserer Alltagskultur ausbrechen zu können - kein Chef, kein Kind, womöglich auch kein Mann mehr, niemand der uns in Atem halten und zwingen kann unsere eigen Bedürfnisse und Neigungen hintanzustellen. Irgendwann musste doch mal dieses selbstbestimmte Leben kommen und so verlegen wir es in die Jahre, die uns als AltersLebensFreizeit in Aussicht gestellt wurden. Und damit sind wir, besonders als Frauen, inzwischen gut dran – ein paar Generationen vor uns wurde diese Art der Freiheit gleich ins Jenseits verschoben. 


Sich mit dem eigenen Alter auseinander zu setzen ist nicht sehr populär und alt sind höchstens die anderen. Es ist peinlich „alt“ auszusehen und „alt“ ist eben immer noch das Synonym für überholt, unbrauchbar, unnütz. Wenn sich also gewisse Anzeichen des Alters abzuzeichnen beginnen, bemühen wir uns in Aussehen und Haltung Jungsein zu demonstrieren. Das innere Kind wird beschworen und in unserem Herzen geht die Sonne ständig auf und niemals unter. Nur in eingeweihten Kreisen bezeichnet sich die eine oder andere Frau als ( Weise) Alte, aber rein rhetorisch versteht sich. 

Egal wie sie es anstellen, gelobt werden in der Öffentlichkeit nur die Frauen, denen man ihr wahres Alter nicht ansieht. Und diejenigen, die genau wie ein Mann, taff ihren Beruf solange sie können ausüben und die auf gar keinen Fall von ihrer Familie erwartet, dass man sich im Alter um sie kümmert. Denn hilfsbedürftig zu sein, ist nicht sehr anerkannt. Außerdem ist auch nicht gesagt, dass da nahe Angehörige vorhanden sind, denen es ein Selbstverständnis ist beispielsweise eine alte Mutter zu betreuen.

Alte sind aber auch oft anstrengend. „Ich werde mal keine von den übellaunigen, verknöcherten Alten“, sagte mal ein junges Ding zu mir – sehr löblich, denn auch ich habe, besonders in meiner Jugend genügend ungeliebte Alte kennengelernt, die frustriert ihre Umwelt tyrannisierten. 


Nun ist es ja eigentlich nicht verkehrt sich bis ins hohe Alter gut und jung zu fühlen – es ist ein tolles Gefühl eine andauernde Vitalität zu spüren – aber diese derzeit präferierte Art der Lebenseinstellung ist eigentlich eine junge maskuline Grundstimmung oder so was wie eine amazonische Dauerschleife. Denn die kraftvolle, selbst-, verantwortungs- und zukunftsbewusste Frau ist im Gesellschaftskonzept auch nicht wirklich erwünscht. 

Der Altersbegriff unterliegt in unserer Zeit einer unglaublichen Wandlung. So finde ich es zum Beispiel äußerst spannend, wenn eine Frau, die in etwa so alt ist wie ich, schreibt: „...ich fange auch schon an für mein eigenes alter überlegungen anzustellen...“ *

Also merke! ...mit fünfundsechzig muss eine frau auf gar keine Fall schon alt sein und spätestens mit dem Titel von Udo Jürgens, der allen versicherte, dass das Leben erst mit 66 anfängt, haben wir die Gewissheit, dass es so etwas wie „das Alter“ eigentlich gar nicht gibt. 

Körperliche Gebrechlichkeit und Langsamkeit wird möglichst nicht thematisiert und wenn dann nur in dem Zusammenhang wie sie heute zu vermeiden sei. Fit im Kopf zu sein ist sowieso ein Muss. Für moderne Frauen ist es jedenfalls ein Fiasko eine „alte Frau“ zu sein. Dabei ist unsere Welt derzeit voll von alten Frauen, wenn wir mal die bisherige Definition für „alt“ ansetzen. Noch in meiner Jugend galt die Frau in oder kurz nach den Wechseljahren eigentlich als alt - sie war nicht mehr fruchtbar, nicht mehr (sexuell) attraktiv, nicht mehr von Bedeutung und wurde so animiert für immer jung zu bleiben, denn das Alter, besonders das weibliche, hat in unserer Welt keinen Ort. 

Heute kann eine Frau bis ins hohe Alter hinein jung bleiben, was auch immer sie darunter versteht – sie kann für ihr gefälliges Äußeres etwas tun, sie hat zumindest Zeit und Gelegenheit alles noch lernen was sie schon immer interessiert hat. Sie kann das Altern umgehen, hinauszögern und totschweigen... meine erheblich ältere Schwester ist so ein Prototyp der jugendlichen Alte - so jung wie sie mit ü-achtzig ist, bin ich mit fünfundsechzig nicht mehr. Aber wir unterscheiden uns auch in zwei wesentlichen Punkten ... ich bin Mutter und Großmutter und das Alter erschreckt mich nicht im mindesten. 

Trotzdem frage ich mich immer wieder, besonders wenn ich mich in der Medienlandschaft umschaue: Wo ist es hin das geachtete, das liebevoll in den Arm genommene, Alter? 

Und wie geht es mit mir weiter, wenn ich diese Alterskultur, die ein einziges Tabu ist, nicht erstrebenswert finde? Wenn ich, je älter ich werde, mich weiter nach der Nähe der Menschen, die natürlicherweise zu mir gehören, sehne, ohne dass ich es zeitgemäß als unpassend ansehen will? Und was wird es für mich bedeuten, wenn ich zwischen all den ewig Jungen dem Altershorror weiter keine Beachtung schenke und einfach nur still vergnügt alt werde? 

Weil es das Natürlichste von der Welt ist, weil es einfach viel zu schade ist, diese wunderbare Zeit ungenutzt verstreichen zu lassen. Es ist ein enormer lebendiger Qualitätsunterschied, das Älterwerden Tag für Tag auszukosten oder es verbissen zu bekämpfen. 

Die Alte lebt solange sie lebt und in der Mütterlichen Ordnung noch darüber hinaus...  


*... dazu auch der wunderbare Text von Luisa Francia vom 29.12.12

Kommentare:

Ursula hat gesagt…

Das kann ich nur zu gut nachvollziehen. Auch ich gehöre zu denen, die ihre Kinder an-sich-ketten wollen. Die wünschen, dass ihre Kinder frei sind in ihren Entscheidungen.
Mir mich war immer klar, es gibt so vieles, was ich machen möchte, da muss ich mich nicht auf Besuche meiner Kinder versteifen... und doch verändert es sich seit gut 3 Jahren... im Grunde seit meine Mutter gestorben ist, da entflammte in mir die Sehnsucht vor allem nach meiner Tochter, nach meinem Sohn...
Ich kann es mir nicht erklären, da diese Sehnsucht nie im Kopf war, sondern immer nur, dass meine Kinder frei sein sollten... doch nun fühle ich mich eher als Gefangene und dass ich im Grunde keine Chance habe auf ein Familienleben, in dem ich meine Erfahrungen ganz selbstverständlich vorleben kann und dadurch weitergeben kann anstatt durch Vorträge bzw. Erzählungen...

Stephanie hat gesagt…


liebe Ursula, deine ersten beiden sätze scheinen sich zu widersprechen, was meinst du damit?
"Kinder an sich ketten" ist meines Meinung nach eines der beliebten Mainstream-Klischee.
Und das Problem mit dieser zitierten Freiheit der Kinder ist auch, dass es scheinbar in aller Vorstellung immer nur ein entweder oder gibt.
Einerseits die Befürchtchtung des Angekettet werdens an hässliche kleinkarierte Elternverhältnisse und andererseits das Vernichten von jeglicher Bindung um der elterlichen Knechtschaft zu entgehender...
ich werde wohl auch noch eine Weile brauchen bis ich klar beschreiben kann, was mit dem matrilokalen und -linearen Leben, das wir uns wünschen, wirklich gemeint ist...