06 August 2013

Analyse eines Selbstverständnis


...ein Artikel bei Zeit - Online stellt fest:  Wir Eltern sind unsolidarisch  - und weiter:
„Wir wollen nur das Beste für unsere Kinder. Warum lassen wir dann zu, dass ihre Erzieherinnen so schlecht dastehen?“

Sagt mal, habe nur ich mit dieser Formulierung Probleme und bin ich zu alt für dieses Selbstverständnis mit dem Mütter ihre Kinder ununterbrochen Menschen,
die sie gar nicht kennen, in die Hand geben und sie von diesen erziehen lassen? Wir wollen also nur das Beste für unsere Kinder und daher engagieren wir sozusagen fremde Menschen, die im Rahmen von staatlich vorgegebenen Richtlinien und Einheitsplänen aus einzigartigen Kleinkindern erst ein angepasstes Schulkind und später einen gefügigen Arbeitnehmer formen?

Diese, von mir gestellte, Frage fällt natürlich aus dem mainstreamigen Fortschrittsgeist. Die moderne Frau ist emanzipiert und somit der Hausfrau-Mutter-Fessel ledig und was sollte sie auch sonst tun – Väter und Mütter müssen arbeiten und die Gesellschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht dem Nachwuchs relativ einheitlich Kultur und Wissen angedeihen zu lassen. Die moderne, die feministische, Frau und Mutter, für die ein Beruf - eine Karriere - eine Erwerbstätigkeit eine ökonomische Notwendigkeit darstellt und als Sinnhaftigkeit in ihrem Leben einen festen Platz einnimmt, darf daher gar kein Problem damit haben, ihr Kind durch andere Leute nicht nur unterrichten, sondern auch erziehen zu lassen.

Selbstverständlich ist die „ErzieherIn“ nicht als die bessere Mutter zu verstehen (auch wenn das gern durch Politik und Medien suggeriert wird), sondern es handelt sich dabei um einen anerkannten, geachteten Ausbildungsberuf, genau wie die LehrerIn. Aber geachtet und wertgeschätzt ist auch hier nicht unbedingt deckungsgleich

Diese ErzieherInnen unserer Kinder sind erst einmal Menschen, die wir in der Regel gar nicht kennen. Wir wissen nichts über ihren Charakter, ihre Herkunft, ihre tatsächliche weltanschauliche Einstellung, über ihr Privatleben – und natürlich geht uns das auch gar nichts an. Aber letztendlich sind es die Parameter nach denen sich dieser fast unbekannte Mensch verhält und auf unsere Kinder einwirkt. Auch später in der Schule findet nicht nur reine Wissensvermittlung statt, sondern soziale Interaktion und das oft auf eine sehr stressige, komplizierte, vielschichtige Art, welche das Kind eher vom Lernen abhält, als es zu begeistern. Die Eltern der Kinder erwarten zwar vom Lehrerkollegium ausreichend pädagogische Kenntnisse, welche sie befähigt ihr Kind angemessen zu erziehen, doch wie aufmerksam und zugewandt kann schon eine LehrerIn hunderten von unterschiedlichsten Klein-Persönlichkeiten gegenüber sein?

Diese mangelnde Wertschätzung der Erziehertätigkeit ist imho auf zwei Punkte zurück zu führen. Einmal die generelle Verachtung eines jeden mütterlichen Engagements, denn das ist es was ErzieherInnen letztendlich für unsere Kinder aufbringen müssen, da Mütter scheinbar etwas besseres zu tun haben und zum anderen das natürliche Misstrauen, dass naturgemäß eigentlich erst einmal einem jedem „Fremden“ entgegengebracht wird, der uns unseren Nachwuchs entzieht.

Trotzdem liefern wir, gegen besseres Gefühl, den (bestimmt ehrlich bemühten und freudig engagierten) ErzieherInnen unsere Kinder aus, weil es erstens unserem derzeitigen kollektiv verankerten Sozialverhalten entspricht und zweites in dem Wissen, dass diese nur vorübergehend in das Leben unserer Kinder eingreifen – wir also unser Kind wieder unbeschadet und möglichst verbessert, zurück bekommen.

Das Einverständnis zu Fremdbetreuung ist natürlich keine Entscheidung, die jede Mutter jeden Morgen fällt bevor sie ihr Kind in der Einrichtung abliefert oder hinschickt. Hierbei handelt es sich
inzwischen um kollektive Mechanismen, die nicht mehr hinterfragt werden und in vorauseilendem Gehorsam der Schwarmkonvention gegenüber schon vor der Geburt eines Kindes akzeptiert und in die Wege geleitet werden.

Aber vielleicht wertschätzen wir auch die Erzieherinnen deshalb nicht wirklich, weil sie das letzte Glied in der Kette eines törichten und nicht artgerechten Aufzuchtsystems unserer Töchter und Söhne sind. 

.

Kommentare:

birgit hat gesagt…

das mag es sein
rückblickend wäre ich auch besser länger zuhause geblieben
was jedoch unrealistisch ist
da ich das familieneinkommen verdient habe
WEIL ich nicht wie meine mutter um jede strumpfhose bitten wollte...
und es ist wirklich ein problem
tagsüber siehst du keine kinder in der siedlung
alle in hort und kita
da langweilt sich das kind zuhause bei der mutter...

Stephanie hat gesagt…


... du hast völlig recht, liebe Birgit, die reale Sachlage ist genau so und die Mütter sind mit dieser Gratwanderung voll ausgelastet... die totale Abhängigkeit vom Einkommen des Mannes ist inzwischen kaum noch das Thema... das Einkommen der berufstätigen Mutter wird in der Regel gebraucht um überhaupt halbwegs den Standard zu halten und dass für die Kinder nur die Fremdbetreuung oder die isolierte "Vorstadtmutter" gewählt werden kann, ist wie die Wahl zwischen Pest und Cholera.
Was mich am meisten grämt, ist die Tatsache, dass die jungen Mütter so „dankbar“ das immer komplexer werdende Netz der Betreuung und Erziehung ihrer Kinder in Anspruch nehmen (müssen) und so weiter den erwachsenen Autonomen ohne unmittelbare Gemeinschafts- und Bindungsverantwortung produzieren...