02 April 2015

Amoklauf - eine anerkannte Abart des Heldentums...

... was in der Vergangenheit den legendären Berserker ausmachte ist der rauschhafte Wahn, in den er sich hineinversetzte,  um ohne auf seinen Eigenschutz zu achten in eine Art Raserei zu verfallen und um in diesem Zustand massenhaft (anonyme) Gegner niederzumähen. Solch eine Verhaltensweise ist auch heute noch eine anerkannte Form der Menschenschlächterei, wenn auch nicht mehr ganz so direkt, aber dafür um so mehr in virtuellen Umgebungen.
Männliche Kampftechniken, die über patriarchale Zeiten hinweg entwickelt wurden, um Feinde zu vernichten, erforderten einst vor allem den persönlichen Einsatz des Kämpfenden. Welcher Feind auch immer antritt, er ist vor allem erst einmal eine grundsätzliche Bedrohung des maskulinen Selbsterhaltes. Eine Strategie, die sich zum (männlichen) Muster verfestigt hat, scheint es zu sein, einem schädlichen Angriff zuvorzukommen, nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung.
Das kann in gefühlt aussichtsloser Lage dazu führen, dass sich der Mann willentlich in den Tod stürzt um dabei so viele Gegner wie möglich mitzunehmen. Auch das ist immer noch eine durchaus anerkannte Form doch das Treppchen zum Heldenruhm zu erklimmen. Jeder Selbstmordattentäter oder Amokläufer sitzt dieser Fehleinschätzung auf. Denn in der Regel sind seine abstrakt kreierten (oder von anderen gesteuerten) Ziele ideologische Konstrukte, die sich mit einem Helden als humanes Vorbild, kaum vereinbaren lassen.
Der oft vorgeschobene Schutz des Lebens trifft, weder bei Kriegshandlungen noch bei Revolutionen, auf die anwesenden Opfer zu, sondern ist eher einem in die Zukunft verlagerten Ideal gewidmet. Das eigene Leben zu opfern und auch einen erklecklichen Anteil des Feindes mitzureißen, wird in entsprechendem Umfeld als selbstlose Tat gepriesen und dient dort der Rechtfertigung diverser Gewalthandlungen. Kommt allerdings eine aus Kränkung entstandene egomanische Verschiebung hinzu, dann kann der Mann auch auf eigne Rechnung der Welt den Krieg erklären. Groll, Hass, Rachegelüste und Ablehnungsschmerz provozieren dann einen ähnlichen Tatverlauf und die mit in den Tod gestürzten Opfer sind meist eher zufällig und somit kein direkter und schon gar kein persönlicher Feind.
Und so gibt es imho zwei Merkmale der männlichen zerstörerischen Aggression. Zum einen den direkten und kollektiven Kampf der Männer untereinander (z.B. als kriegerische Auseinandersetzung - die gesellschaftlich forcierte Form des ausgearteten Wettbewerbs), bei dem es, überhöht betrachtet, immer um Leben oder Tod geht und bei dem durch die Jahrtausende hindurch die geschädigte Frau und die angerichtete Zerstörung als Kollateralschaden in Kauf genommen wird.
Und zum anderen haben wir den persönlichen Kampf eines Mannes gegen die anonyme Gesellschaft, die es in seiner Kindheit vielleicht verabsäumte ihn psychisch angemessen zu integrieren und ihm so die Frustration einer sich wiederholenden Ablehnung zumutete. Auch dabei wird das weibliche Opfer der Gewalttat nur als gerechte Vergeltung der erlittenen Kränkung gesehen, also als Synonym für die vorenthaltene soziale Anerkennung.
Wo allerdings krankhaftes Verhalten eines Einzelnen der Auslöser diverser Katastrophen ist, ergibt sich auch immer aus dem Einzelfall. Das Fundament all dieser Probleme bleibt jedoch nach wie vor die patriarchale Grundierung unserer Gesellschaftskultur.
Männer wollen andere Männer beeindrucken - auch Frauen, aber vor allem die anderen Männer. Der heranwachsende jugendliche Mann möchte als solcher und in seiner gesamten Persönlichkeit wahr genommen werden. Leider sind in unserer heutigen abendländischen Leitkultur die Vorbilder für ihn nach wie vor gewaltverbrämt. Die direkte (körperlich angewendete) Gewalt ist zwar aus der Praxis der Erziehung und dem allgemeinen, alltäglichen Kontakt miteinander, zugunsten eines wahrnehmenden und koexistierenden Umgang gewichen, aber dafür ist sie in einem nicht unerheblichen Maße als permanente virtuelle Parallelwelt vorhanden. In ihr darf das männliche Kind und der erwachsene Mann alles ausleben, von dem er naturgemäßerweise ursprünglich nichts wusste. Im Besonderen, dass die anonyme Gesellschaft einen Hang zur Gewalt per se von ihm erwartet.
Das systematische Abschalten der gefühlvollen Eigenwahrnehmung und der natürlichen Empathie durch ein kulturell forciertes Konkurrenzgebahren und eine Art sich ständig steigerndem Grausamkeitstraining, können wir schon im Programm eines jeden Kinderkanals beobachten.
Das ebenfalls davor sitzende Mädchen lernt dabei auch und zwar was sie schlimmstenfalls von der Männerwelt erwarten kann. Der Junge das, was von ihm schlimmstenfalls erwartet wird zu tun. Die Botschaften sind jeweils altersgerecht verpackt und wirken anfangs noch unterschwellig. 
Dem zukünftige Mann wird hier auf kindgerechte Art die Generalerlaubnis erteilt sich nach Lust und Laune oder Bedarf als potentieller Gewalttäter zu profilieren. In teilweise erschreckend exzessiver Weise werden in Fernsehen, Filmen, Computerspielen und Literatur Gefühlskälte, Rücksichtlosigkeit und Gewaltbereitschaft als akzeptiert und damit erstrebenswert vorgeben. Sowohl als Grundhaltung des Helden als auch bei seinen Gegnern.
Wenn der junge Co-Pilot tatsächlich sich und 149 Menschen in der Tod gerissen hat, dann kann imho diese Tat auch als ein Amoklauf eingeordnet werden. Unvorstellbar grausam, aber eben auch nicht unerklärlich.
Vielleicht sollten doch auch alle kleinen Jungen mit dem Kodex sozialisiert werden: Tu was du willst, aber schade niemand...

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