26 Januar 2016

Trotz dem...

Unsere Erziehungskultur neigt dazu sich über das altersgemäße kindliche Verständnis (Verstehen können) hinwegzusetzen und (Klein)Kinder zu über- oder zu unterfordern. Ihnen wird mehr denn je ein angehörigenarmer, naturferner und mit reizüberflutender Technik durchsetzter Tagesablauf übergestülpt. 
Artgerechterweise läuft das Klein- und später größere Kind einfach im Alltagsgetriebe mit und lernt in seinem Tempo sukzessive alles was es zum Bestehen seines zukünftigen Lebens in der Gemeinschaft braucht. Es imitiert seine Umwelt, verinnerlicht dabei Sprache und hat seine eigenen Strategien sich verständlich zu machen. Da natürlicherweise Kinder altersgemischt aufwachsen (müssten), findet sich auch immer eine, die versteht was es möchte. Kinder die verstanden werden haben kaum Grund zu trotzen oder sich entsprechend aufzuregen. Die sogenannte Trotzphase ist m.E. schlichtweg Notwehr und darauf zurückzuführen, dass das Kind gelernt hat auf diese Art zu kommunizieren (ich habe es nämlich auch schon anders erlebt). Wie soll es sich sonst verständlich machen, wenn es (jetzt und auf der Stelle) Aufmerksamkeit, Zuwendung und Interaktion mit (geliebten oder interessanten Mitmenschen) braucht, diese Bedürfnisse jedoch (aus erzieherischen Gründen oder weil es nicht in den erwachsenen Ablauf passt) ignoriert und wegrationalisiert werden? Da bleibt einem doch nur übrig zu brüllen, sich auf den Boden zu schmeißen und bockig alles abzulehnen, was dann der zuständige Erwachsene ins Feld führt, um diese Herausforderung oder Peinlichkeit abzumildern.

Unser Alltag ist ihre Kindheit. So war es schon in meiner Kindheit und davor und davor, nur der jeweilige Stresslevel dürfte jeweils ein anderer gewesen sein. Heutzutage werden (Klein)Kinder mehr denn je außer Haus (quasi per Crashkurs) in unsere komplexe, bindungsarme Kultur eingeführt und integriert, ohne wirklich die Chance zu haben, sich dazu artikuliert äußern zu dürfen. Sie müssen die vorgegebenen Bildungsstufen absolvieren und da ist es, auch später im Schulsystem, mit der Meinungsäußerung oder gar dem Ausdruck des anstehenden Gefühl eher schlecht bestellt. Hier ist oft die einzige Strategie sich bemerkbar zu äußern: Lautstärke und Penetranz. Selbst dann, wenn den Kindern bereits ein ausreichendes Vokabular zur Verfügung steht, fällt es ihnen meist nicht leicht die überwältigenden Gefühle, welche durch die grundlegend mangelnde Geborgenheit in unserer Kultur auslöst werden, verständlich oder angemessen zum Ausdruck zu bringen.
Bei unseren Kleinen ist zudem weder der Wortschatz noch das Vermögen zu Abstrahieren bereits soweit vorhanden, dass sie "normgerecht" und auf erwartetem erwachsenem Niveau mitteilen können wo das Schuhchen drückt. Und oft genug sind die meisten Erwachsenen nicht in der Lage sich auf entspannte Art auf das Kind einzulassen und die Situation nach der Prämisse angehen: hier handelt es sich um eine Gelegenheit, die so nie wieder kommt. Ich kenne viele wunderbare Mütter, die es trotzdem schaffen mit diesen anstrengenden und zermürbenden Trotzarien gekonnt umzugehen - an der Ausgangssituation, unserer patriarchösen Gesellschaftsstruktur, können sie aber auch nichts (auf die Schnelle) ändern.

Das frustrierte Kind ist ein Markenzeichen unserer Gesellschaft! Unserer modernen Welt mangelt es an einer Nähekultur in der unser Nachwuchs emotional getragen wird. Alles ist auf den (anonymen) Erwachsenen zugeschnitten und zwar in erster Linie auf den Taktgeber der Gesellschaft - dem vitalen männlichen Erwachsenen. 

Jedes Menschen-Kind passt sich dem Umfeld an, in das es hineingeboren wird, um darin zu wachsen und zu überleben. Dass unsere Kinder sich trotzenderweise ausleben dürfen ist hier auch ein Moment ihrer Privilegierung. In vergangenen Zeiten bzw. in der globalen patriarchalen Welt wurde/wird das un- bzw. eigenwillige Kind in der Regel strikt reglementiert und dabei nicht selten sein individuelles Sein gebrochen. Es gab/gibt natürlich immer Enklaven, auch heute noch, in denen Kinder menschlich (artgerecht) aufwachsen, einfach sein dürfen und verstanden werden.

Heute geht der Anspruch der Eltern auch mehr denn je dahin, ihren Kindern eine unbeschwerte Kindheit angedeihen zu lassen und manchmal führt das auch dazu das Kind mit intellektuellen und materiellen Privilegien zu überschütten, was selten identisch ist mit dem Respekt vor seiner Persönlichkeit. Ab einem gewissen Punkt, meist wenn das Kind zu Laufen beginnt, werden vom (modernen) erwachsenen Umfeld Forderungen an das Kind herangetragen, die das Kleinkind oft genug nicht nur an seine Grenzen bringt, sondern es auch hindert seiner altersgerechten Intention zu folgen. Es lernt stattdessen einem Zeitrhythmus zu folgen, den es nicht versteht und der es beeinträchtigt. Dabei wird es fremdbestimmt von seiner eigenen „Arbeit“, dem kreativen selbstbestimmten Spielen, abgehalten. Unsere Gesellschaft erwartet, dass wir die Einsamkeit und den Drill des (von den Angehörigen separierten) Erwerbsleben bereits auf Zweijährige übertragen.

Das Bewegen zwischen vielen Gleichaltrigen frustiert vielleicht mehr als es Spaß macht und Erwachsene, die das nicht abfangen können oder wollen, noch mehr. So kommt es, dass in der Fremdbetreuung (und später in den andern Bildungseinrichtungen) der unsägliche Ansatz zum Tragen kommt, Gleichaltrige in nicht artgerechten Mengen über frustierend lange Zeiträume zusammenzuzwingen. Der kindliche Drang zur notwendigen Körper und Geist befeuernden Kommunikation wird sich so auch immer (für manches Kind quälend langsam) im Rahmen des Gruppenniveaus bewegen. Und zu allem Überfluss wird dieses Niveau durch einzelne (fremde und anonyme) Erwachsene reguliert, die es geschafft haben den Eltern einzureden, dass das das Beste für ihr Kind sei.

Dem individuellen Bedürfnis des Kindes nach interaktiver Stimulanz oder seinem Ruhebedürfnis kann in den Kindergruppen in der Regel nur selten nachgegeben werden. Ihre Gefühle, ihre Fragen und gerade gewonnenen Erkenntnisse adäquat den Mitmenschen mitzuteilen, also mit ihnen zu teilen und sich dabei ihres Wohlwollen sicher zu sein, ist in einer gleichgerichteten Kindergruppe für das einzelne Kind schwer zu gestalten, denn alle haben gerade (fast) das gleiche Anliegen.

Für das sehr junge Kind bedeutet das: Die sogenannte Trotzphase ist die Zeit, in der mich die Welt spürbar (noch) nicht versteht und sich grad nicht die Mühe macht das schleunigst zu ändern. Die Verzweiflung darüber, wie auch immer zu äußern, ist eine gesunde Reaktion.

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