Das aktuelle Essay

„Möge der Bessere gewinnen...“ 

Eine Betrachtung von Stephanie Ursula Gogolin 

zu der immer wieder gern genommenen These: ''...das Patriarchat hat sich gegenüber dem Matriarchat als „bessere evolutionäre“ Strategie durchgesetzt...''

Wir schenken uns vorab die Analyse, ob der Begriff 'Matriarchat' zutreffend ist oder lieber doch nicht und stellen stattdessen erst einmal fest, dass es sich bei der Ur-Matrifokalität der menschlichen Spezies um ein organisch gewachsenes 'Gemeinwesen in Balance' im Sinne einer Natürlichen Mütterlichen Ordnung - Matrifokalität beruhend auf Matrilinearität - handelte, so wie wir es noch heute in manchen indigenen Gesellschaftsformen als überlieferte Lebensweise vorfinden.

Um es einmal polemisch anzugehen frage ich: Wenn patriarchale - also androzentrierte - Verhältnisse ein evolutionärer Effekt wären, müssten da andere Säugetierarten nicht auch schon längst nachgezogen und ihre speziellen, bisher gut funktionierenden Überlebenstechniken einer maskulinen 'Anleitung' unterworfen haben? Können wir denn überhaupt arteigene Überlebensstrategien und die Anpassungsfähigkeit an eine bestehende Umwelt einer Spezies in eine Bewertungsskala von „besser“ bis „schlechter“ einordnen?

Das überaus durchsetzungsfähige Phänomen 'Leben', das sich mit allen Bedingungen des Planeten Erde immer wieder arrangiert und eine gigantische Vielfalt hervorbringt, hat auch eine Spezies kreiert, die sich selbst als Mensch bezeichnet. Die Spezies Mensch, deren Individuen einzeln relativ hilflos sind, entwickelte sich über viele Jahrtausende zu einem der anpassungsfähigsten Teilnehmer der verschiedenen Varianten des Ökosystems Erde. Die speziellen Fähigkeiten sind vor allem geschickte Überlebensstrategien mit denen sich unsere Spezies an alle Klimazonen dieser Welt angepasst hat. Überall gelingt es Menschen ihre Kinder aufzuziehen. Die besondere Langzeit-Pflege des menschlichen Nachwuchses wurde einzigartig mit einer Grundform einer speziellen Alltagskultur verknüpft. Wir können davon ausgehen, dass ursprünglich jede Kulturtätigkeit des Menschen ein Nebeneffekt des Arterhalts ist und sich in der gegenseitigen Fürsorgearbeit niederschlug. Dass heißt, jede Erfindung einer neuen Kulturtätigkeit (optimierte - kollektive - Nahrungsbeschaffung, -konservierung, Bearbeitung von Natumaterialien,
Heilwissen oder die erste Kunst) sowie deren Weiterentwicklung, die zu einer Verbesserung der Alltagsbedingungen führten, kam dem Nachwuchs und somit der Angehörigengruppe zu Gute.

Die patriarchösen bzw. androzentrierten Strukturen dagegen haben nicht das geringste mit einer natürlichen oder „besseren“ Entwicklung zu tun. Das Patriarchat mag ja mehr als nur eine „Ursache“ haben, letztendlich sind die Grundlagen dieser Gesellschaftsform vor allem durch Waffengewalt installiert worden. Die einst gewaltsam durch Herrschermacht, also per Inanspruchnahme von Privilegien und exekutiv erzwungener Gesetzestreue, eingeführte und durchgesetzte, scheinbar omnipotente, Vaterdominanz ist keine natürliche Entwicklung. Vermutlich wurde bei dessen ideologischer Einführung schon der gesellschaftliche Mainstream wirksam.

Den artgerechten Urzustand finden wir in der matrifokalen Gemeinschaftsform - dem Matrifokal

Die matrilinearen Basisgruppierungen lebte als Bindungsgemeinschaften in mütterlicher Linie, also in Sippen. Selbstverständlich bestanden die Gruppen aus Kindern, Frauen und Männer und zwar als geschwisterbasierte Alltagsgemeinschaft. Diese bildete die Schutzsphäre für die Mutter-Kind-Einheit und stellte die Geborgenheit im generationsübergreifenden Fürsorge-Habitat sicher.

Diese Theorie wirft immer auch die Frage nach dem Liebes- bzw. Elternpaar auf. Wir können getrost davon aus gehen, dass es die Konstellation „Elternpaar“ im heutigen Verständnis nicht gab. Die jeweiligen Liebespartner der Erwachsen gehörten weniger zu dem alltäglichen matrifokalen Gemeinschaftsablauf, sondern zu dem persönlichen Bezugsfeld einer Frau. An die erotischen Begegnungen waren keine Bedingungen geknüpft, die das sonstige persönliche Leben von Frau und Mann nachdrücklich veränderten. Es wurden auf Grund einer erotischen Beziehung keine neuen Wirtschaftskonstellationen geschaffen und in der Regel auch nicht die Herkunftsbindungen dauerhaft verlassen. Kinder wuchsen naturgemäß in den Muttersippen auf, in welche sie hineingeboren wurden. Die männlichen Bezugspersonen waren als 'Mutterbrüder' vorhanden und zwar im generationsübergreifenden Selbstverständnis.  

Wir sind heute in unserer patriarchös zersetzten Kultur anderes gewohnt. Unter dem gängigen Label 'Liebe' findet sich gegenseitiges Wohlwollen genauso wie unerträgliche Tyrannei und zu unserer kulturell-ethischen Haltung gehört auch, dass sich niemand wirklich wundert, wenn aus „Liebe“ sogar Morde begangen werden. Das heutige (in der Regel von seinen Herkunftsangehörigen separierte) Paar vertritt allgemein einen geforderten dauerhaften (möglichst lebenslangen) Treueanspruch (was in der Regel nicht funktioniert) und praktiziert eine gemeinsame Mini-Wirtschaftsgemeinschaft, die Kleinfamilie. Diese Art der zwei-getakteten Lebensgestaltung baut auf dem Irrtum der unbedingten Idee auf, dass das Paar, bestehend aus zwei fremden (nicht verwandten) Menschen, ein Urkonzept der menschlichen Spezies sei. Die geforderte lebenslange 'romantische', sich gegenseitig treu ergebene, Liebe ist jedoch tatsächlich ein Konstrukt der jüngeren Geschichte. 

Patriarchale Strukturen, wie sie uns heute geläufig sind, wurden von herrschaftausübenden Männern um die, von ihnen kreierte Idee der Vaterdominanz herumgebaut. Eine völlige Gewissheit der Vaterschaft ist aber kein natürlicher (biologischer) Effekt und nur über eine totale Kontrolle der weiblichen Sexualität zu erreichen - also dem gesellschaftlichen Ausschluss, der Unfreiheit und der Unterdrückung der Frau. Das Ausüben einer solchen mütter- und lebensfeindlichen Kontrolle ist kein naturgemäßes Prozedere. Die, aus ihrer Unfreiheit entstehende, Verfügbarkeit der Frau und die durch die patriarchösen Ideologien hochstilisierte Fruchtbarkeitsfixierung haben für die rechtlose Frau durch die Jahrhunderte einen tragischen Verlauf genommen. Bis in unsere Zeit ist die Idee den Vater als Ausgangspunkt allen Seins zu erklären, in ungezählten grausam erlittenen Frauenschicksalen wirksam. Ob es die heute noch stattfindende genitale Beschneidung kleiner Mädchen oder das scheinbar immer beliebter werdende Töten weiblicher Föten oder ob es „nur“ die Abwertung von Mutterarbeit und die rechtliche (finanzielle) „Bestrafung“ eines alleinerziehenden Elternteils durch unsere Gesetzeslage ist, die einst eingeführte „väterliche“ Gewalt beherrscht inzwischen das Handeln und damit auch das Denken der meisten Gesellschaften unserer Welt. 

Die inzwischen (fast) weltweit etablierte Praxis einer grundsätzlichen Separierung aller jungen Erwachsenen zum Zwecke der flexiblen Eingliederung in einen anonymen Wirtschaftskreislauf schreitet derzeit weiter munter voran. Da der Mensch aus zwei Gründen nicht komplett auf eine totale Separierung konditioniert werden kann, wird ihm das Paargebilde als selbstverständliche Lebenshaltung angeboten. Diese kleinste Einheit einer menschlichen Gemeinschaft wird als Basissurrogat in die anonyme Großgesellschaft gestellt. Die 'Paarbeziehung in serieller Monogamie' ist heute im westlichen Kulturkreis fast ein Selbstläufer und setzt den bislang tradierten Wert der „Familie“ außer Kraft. Um die Illusion der 'klassischen Familie', bestehend aus Vater-Mutter-Kinder, am Leben zu erhalten, bürgerte sich der Begriff der Patchwork-Familie ein. Ein u.U. weitverzweigtes Gebilde aus verschiedenen Versatzstücken fluktuierender Beziehungen ehemaliger Paare, deren Verbindung die jeweiligen Kinder sind - solange sie Kinder sind. Zwar sind die Kinder Bindeglieder zwischen den aktuellen Partnerschaften ihrer Eltern, sie gelten jedoch nur bedingt mit ihren sonstigen Angehörige als verbunden. Nach der Trennung eines Elternpaares bleibt zwar die bestehende (Bluts)Verwandtschaft zum Kind, da jedoch Vater und Mutter nur durch Heirat verwandt waren, sind diese rein rechtlich nun wieder 'Fremde' - also nicht mehr miteinander verwandt. Niemand (nicht einmal das eigene Kind) kann und darf sie zwingen diese Beziehung wieder aufleben zu lassen. Allerdings gilt es in der Regel als zivilisiertes Verhalten solche getrennten Verbindungen nicht völlig unter den Tisch fallen zu lassen; die Gesetzeslage verpflichtet beide Elternteile zur Sorge am Kind.  

Zitat aus http://www.stephanieursula.blogspot.de/2014/02/das-warum-und-das-wie.html : „Der modere patriarchale Mensch verhält sich wie eine Art Patient 0, bei dem alles beginnt und der seine Zugehörigkeit nur über seine Person und seine Nachkommen definiert. Auch Frauen fällt es scheinbar zunehmend schwer, sich in eine Ahninnenreihe zu stellen.“

Was sind nun die beiden Gründe, die dagegen stehen, dass der moderne Mensch vollkommen solitär durch die Welt wandelt? 

Der Mensch ist von Natur aus vor allem ein Bezugswesen in (s)einer angehörigen Bindungsgruppe. Der angeborene Drang zur Zugehörigkeit sowie das (generationsübergreifende) Fürsorgebedürfnis kann daher nur in einer alltäglichen und unmittelbaren Nähe stattfinden. Das bedeutet: naturgemäß wurde / wird der Mensch in seine (Mutter)Sippe hineingeboren und könnte dort artgerechterweise bis zu seinem Tod verbleiben. Die natürliche Matrifokalität stellt die Besonderheit der menschlichen Spezies dar. In der menschlichen (Ur)Gruppe sind die tragendenden Elemente empathisches und kooperatives Verhalten der (wahrscheinlich überwiegend konsanguinen) Angehörigen und selbstverständlich und lebenslang wurden beide Geschlechter in die geschwisterbasierte, generationsübergreifende Fürsorgegemeinschaft einbezogen.

Diese (überschaubaren) Fürsorgegruppen bildeten die Schutzsphäre für den, lange recht hilflosen, Nachwuchs der menschlichen Spezies. Der Mensch ist als Individuum relativ gefährdet und schützte sich daher durch die verlässliche Gruppe. Überlebt hat (aus evolutionärer Sicht) der Sippenverband in dem alle Angehörigen für einander einstanden. In diesen Bindungsgemeinschaften wurde ein Jedes gebraucht, um dem Nachwuchs ein gesichertes Aufwachsen zu ermöglichen. Die matrilineare Gruppe, bestehend aus durch Geburt verwandte Angehörige, war der bewährte verlässliche Entwicklungsraum, die effektivste Schutzsphäre, für den menschlichen Nachwuchs.

Nun existieren die Strukturen einer mütterlichen Sippe unter den patriarchalen Gesellschaftsverhältnissen schon längst nicht mehr. Das für Menschen typische, angeborene Bedürfnis sich in vertrauten sozialen Zusammenhängen aufzuhalten und mit seinen Bindungsangehörigen permanent in einen wohltuenden interaktiven Austausch zu treten, verschwindet ja nicht einfach, nur weil unsere Gesellschaftskultur ein System hervor gebracht hat, dass den Menschen aus seinen Herkunftsbindungen herauslöst und ihn quasi zwingt gegen seine Natur zu leben. 
Ich schreibe hier immer wieder 'Mensch', was von vielen immer noch automatisch bzw. unbewusst mit 'Mann' assoziiert wird. Das Problem jedoch ist, dass dieses überwiegend fremdbestimmte Dasein ein noch größeres Fiasko für den weiblichen Teil des Menschengeschlechtes ist (und somit auch den männlichen Anteil beeinträchtigt). Schon längst sind alle "zivilisiert" lebenden Menschen permanent in die patriarchalen Muster verstrickt, auch wenn sie ursächlich immer nur durch den privilegierten Teil der Alphamännern initiiert und erhalten werden. Nun schaffen diese Machtmänner das nicht etwa, weil sie so eine überlegene humane Kompetenz besitzen, wie immer gern verbreitet wird, sondern weil immer noch ein stetig steigendes Potential an sichtbarer und unsichtbarer (Waffen)Gewalt die Welt im Griff hat und schon längst als unaufhörliche Bedrohung in unser aller Unterbewusstsein eingesickert ist. 

Hemmungslose Skrupellosigkeit gegenüber Mensch und Tier und dem gesamten Ökosystem der Erde, hat zu einer Situation geführt, die mit einer Geiselnahme vergleichbar ist. Viele Millionen Menschen sind davon beeinträchtigt. Und sie stecken in einer Art Stockholmsyndrom. Daher nehmen wir die latente Gewaltsituation die unsere Gesellschaftskultur steuert oft nur noch dort wahr, wo sie gerade wieder in einem Krieg oder einer politischen Krise offen tobt. In den ideologischen Verquickungen der patriarchalen Lehren mit unserer Alltagskultur haben die meisten gelernt, ihre Geiselnehmer zu "lieben" und ihnen zu vertrauen.

Dass die "erfolgreiche" menschliche Spezies trotz der verschärften Bedingung einer patriarchösen Annektion, nicht unterging, bedeutet nicht, dass das patriarchale System das evolutionär Fortschrittlichere ist. Eigentlich beweist es uns doch nur, dass auch die kläglichen Reste der einstigen Müttergemeinschaften selbst unter mangelhaften oder grausamen Bedingen fähig sind, die menschliche Art zu erhalten.


Stephanie Ursula Gogolin, Lüneburg 10.05.2014
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