25 Januar 2010

Biss zum nächsten Mal

Die Bände um die Biss – Erzählung sind inzwischen schon eine bestsellernde Sensation: Vampir liebt menschliche Maid ohne sie gleich vernaschen zu wollen. Diese Geschichte vertritt die offenbar reizvolle Idee: Biss dass selbst der Tod das liebend Paar nicht scheidet.

In aller Ernsthaftigkeit wird die mögliche humane Liebesfähigkeit eines Monsters als Realität grundgelegt. Die soundso vielte Variante von der Schönen und dem Biest. Nur mit dem Unterschied, dass hier das Ungeheuerliche schön ist, unvorstellbar schön und Sie nur das Aschenputtel, das erst durch seine Beachtung aus dem tristen Alltag erhoben wird. Also doch der Klassiker.

Eine große Liebe, eine mächtige - unerfüllte Sehnsucht, der zartrosa Traum des erwachenden Mädchens, das sich, beladen mit den tausend Klischees, die wir alle so gut kennen, dem wirklichen Leben zuwenden möchte. Der Reiz der so genannten (literarischen) großen Liebe ist immer auch mit einer Unerreichbarkeit - dem fast schon Unmöglichen - verquickt. Das schmerzliche Sehnen, das künstlich aufgebauschte Begehren steht gegen eine Unerfüllbarkeit! Denn immer prallen unvereinbare Welten aufeinander. Romeo und Julia for ever! Versehen mit happyenden Schlussakkorden...

Die Schriftstellerin Stephenie Meyers hat in gekonnter Weise all diese Stereotypen miteinander verwoben, die bekanntermaßen eine Liebesgeschichte erst richtig spannend machen: Sehnsucht und Geheimnis, Liebe und Verrat, Gewalt und Hingabe, Anarchie und Ekstase, Illusionen und Verlust, Schmerz, Tod und Erlösung. Die Hauptzutat dieser bizarren Liebe ist jedoch ihre Unmöglichkeit. Diese Liebe ist so schmerzhaft groß, da sie für ein einfaches Menschenkind kaum zu ertragen ist und auf die eine oder andere Art tödlich enden wird.

Isabella Swan, wir könnten großzügig ihren Namen mit „Schöner Schwan“ übersetzen, obwohl anfangs die Autorin immer wieder das hässliche Entlein betont, wird von ihrer Schöpferin als fast schon prüde Außenseiterin geschildert. Es dauert bis zum letzten Band, bis aus der unscheinbaren, aber auch pragmatisch unkonventionellen Menschenfrau, die überirdisch schöne und mit außergewöhnlichen Gaben ausgestatte Vampirin wird und wir uns endgültig im Reich der Fiktion befinden. Denn zuvor erscheint es uns als ein alltägliches Geschehen, wie die junge Frau auf diesen faszinierenden, ebenso jung erscheinenden Mann reagiert. So kennen wir es, so soll es sein. Sie wird erhoben, da ein, noch dazu außerordentlicher, Mann sie zur Kenntnis nimmt. Warum, wird schon nicht mehr gefragt….

Der Vampir Edward, mit dem Aussehen eines Siebzehnjährigen und der Reife eines alten Mannes, begehrt Bella nicht nur aus Blutdurst, sondern auch ihrer, nur für Vampire interessanten Ausstrahlung, genauer gesagt ihres Geruches wegen. Dieser Mann ist die Bedrohung pur. Bella fühlt sich von seiner faszinierenden Erscheinung angezogen und schnell ist sie ihm, wie man schön sagt, unrettbar verfallen. Er hebt sie aus der Anonymität ihres Kleinstadtlebens, überdeckt die alltägliche Ödnis und die den Teenager so eigenen üblichen Selbstzweifeln.

Da ihr Geliebter nie mehr altert, möchte die, inzwischen Achtzehnjährige so schnell als möglich ihre menschliche Vergänglichkeit ablegen und dadurch an seiner Seite als würdige Gefährtin erscheinen. Eingefroren in ihrer Jugend für die Ewigkeit. Der Preis spielt keine Rolle mehr. Die hingebende Liebe an einen Mann als einziger Sinn des Lebens! Das Ignorieren und Akzeptieren der tödlichen Gefahr! Das unbedingte Nachfolgen in die Welt ihres ungewöhnlichen Verehrer und sei sie noch so grausam, denn dieser Eine ist anders als jeder andere simple Mann…

Meine inzwischen vierzehnjährige Enkeltochter gab mir vor einiger Zeit voll Begeisterung die Biss - Bände zu lesen und war froh, sich mit mir darüber zu unterhalten zu können, von der ersten Verfilmung zu schwärmen und die dämonisch schönen Darsteller anzuhimmeln.

Es ist immer gut, wenn es eine Erwachsene im Umfeld gibt, mit der eine jugendliche Leserin diese komplexe, aufwühlende und Sehnsucht weckende Story besprechen und über ihre Gefühle reden kann. Haben wir das nicht auch alle durchgemacht, vor mehr oder weniger langer Zeit? Vielleicht hatte unsere Literatur ja noch mehr den Charme von Courths-Mahler* und an die eigenen ersten Sehnsuchtsträume können wir uns bestimmt noch gut erinnern. Aber unsere Aschenputtelillusionen endeten meist im konventionell, vertrauten Märchenbereich. Die Idealisierung einer entmenschlichten Liebe finde ich jedoch mehr als zweifelhaft, fast möchte ich sagen, geradezu schädlich!

Der ebenfalls in dem vier Bände - Werk vorkommende Werwolf Jacob bereichert dabei die Story von der unerfüllten Liebe, um die Freundschaftsvariante, somit um den brüderlichen Aspekt. Der „Bruder“ behält den Liebhaber im Auge! Er wird auf die Maid Acht geben, wenn er sie selbst schon nicht haben kann.

Die Werwölfe, sind anerkannterweise natürliche Feinde der Vampire, warum auch immer. Stephenie Meyers findet eine idealisierte Erklärung dafür. Diese Werwölfe zeichnen sich durch eine besondere Eigenschaft aus, sie sind per Schicksal auf einen bestimmten Menschen geprägt und diesem bedingungslos ergeben. Das gottgegebene (Liebes?)Paar! Eine uns nur zu gut vertraute und immer wieder gern genommene Ansicht. Denn irgendwie suchen wir alle den Menschen, der auf uns oder auf den wir, geprägt sein könnten. Ohne wenn und aber!

Es ist (und hier wird es matriarchalisch) eine Sehnsucht, die nie aufhört, da wir die Zugehörigkeit zu den Unseren, vor allem zu den weiblichen Mitgliedern unserer Sippe schon lange verloren haben. Wir kennen diesen Schmerz des meist unerfüllten Begehrens nach Nähe, Zugewandtheit, Aufmerksamkeit, nach dem was allgemein als Liebe bezeichnet wird? Der Schmerz, der scheinbar unabwendbar ist. Wo kommt er her und wem nützt er? Und wieso wird er immer wieder als unverzichtbarer Bestandteil des Erwachsenwerdens und der sogenannten Liebe angesehen?

Die Vertreibung aus dem Paradies findet offenbar immer noch tagtäglich statt. Das Kind wird der Mutter aus dem Arm genommen, von ihr getrennt und beginnt viel zu früh einen Lebensweg auf dem es alles auf die harte Tour lernt. Unsere männlich geprägte Vorstellung von „gesunder Entwicklung“ verhindert, dass wir uns die einfache Frage gar nicht mehr stellen: Wieso überhaupt Trennung von der Sippe?

Wieso ist die Bindung der Frau an einen „Fremden“, dem sie sich oft genug auf Gedeih und Verderb ausliefert, der einzig akzeptierte Lebensentwurf in unserer Kultur und lässt sie ihre Lebensplanung auf flüchtige (romantische) Gefühle aufbauen?

Selbst wenn die Einzelne die Entscheidung treffen möchte, wieder die Nähe und die bedingungslose Zugehörigkeit zu der Herkunftsfamilie zu praktizieren, ist es inzwischen so gut wie unmöglich geworden, eine ursprüngliche weibliche Verbundenheit zu leben.

Wann ging sie uns verloren? Während einer der Völkerwanderungen? Beim letzten Überfall auf den Clan, als die Mutter erschlagen und die Schwester verschleppt wurde? Oder als man die Hexen jagte und verbrannte? Vielleicht auch während der letzten beiden Weltkriege?

Die selbstverständliche mütterliche Nähe ein Leben lang, existiert nicht mehr in unserer Seinsvorstellung.

Was bliebe von der großen Liebesliteratur und all den HerzSchmerzGeschichten übrig, wenn die JungFrauen frei und selbstbestimmt den Liebespartner kommen und gehen ließen. Und eine Schwangerschaft auch kein Problem wäre, da das Kind in der mütterlichen Sippe willkommen wäre?

Übrigens, die elfjährigen Enkeltöchter haben inzwischen auch alle vier Bände gelesen. Die lese- und erkenntnishungrigen Teenager sind wohl in erster Linie Mädchen. Ich kann mir beim besten Willen keinen männlichen Elfjährigen vorstellen, der die vier dicken Bände von Stephenie Meyers durchliest und sich auch noch dafür begeistert, auch wenn er noch so sehr auf das Ende gespannt ist. Trotzdem ist das Buch wohl in erster Linie für „den weiblichen Leser“ geschrieben und zwar im kompletten Klischeerahmen der konventionellen, patriarchösen Ausrichtung.

In jeder Zeit gibt es etwas Unerhörtes, Etwas von dem wir glauben, das ist jetzt aber der Höhepunkt der Geschmacklosigkeit und des Werteverfalls oder der Bedrohung der Menschheit. Bis jetzt jedoch hat „die Menschheit“ alles überlebt und ist dabei noch angewachsen. Wohlgemerkt als Spezies! Die vielen Einzelschicksale, die Leben, die dabei immer wieder auf der Strecke bleiben, sind schnell vergessen. Uns bleibt nur zu hoffen, dass wir auch diesen Klassiker überleben. Und zum Glück für unsere Töchter gibt es keine wirklichen Vampire! Oder etwa doch?

Also dann Biss zum nächsten Mal…


* Hedwig Courths-Mahler, gebürtige Ernestine Friederike Elisabeth Mahler, geb. am  18. Februar 1867 in Nebra (Unstrut); † 26. November 1950 in Rottach-Egern; war eine deutsche Schriftstellerin.

Kommentare:

b:ate hat gesagt…

das ist mir fast zu dicht - ich muss es nochmal lesen....
aber ein gedanke kam mir spontan, vielleicht, weil er mit meinem Leben zu tun hat: für mich ist die bindung an freundInnen, also an menschen außerhalb der sippe, wichtiger, weil ich nicht mehr die kraft habe, gegen die vorstellungen meiner mutter zu rebellieren, die sie durchdrücken will. bzw. von denen sie immer wieder anfängt (in unserem fall kirche/christentum versus naturreligiös/spirituell/feministisch) - da denke ich, dass ein gemeinsames leben matrilinear nur funktioniert, wenn die mutter auf dem gleichen oder einem ähnlichen weg wie die tochter (oder umgekehrt) ist, bzw. alle von soviel Toleranz angefüllt sind, dass genug luft zum atmen bleibt... nur so ein gedanke. ich spinn mal weiter...

Stephanie hat gesagt…

...natürlich hast du mit deinen Überlegungen vollkommen Recht und auch ich gebe mich nicht der Illusion hin, ich könnte noch eine matriviviale Gesellschaft erleben, aber irgendwie müssen wir doch anfangen. Erinnern, Umdenken, urempfinden und direkt handeln - wenn es mit unseren Müttern nicht (mehr) geht, dann sind wir eben die Mütter und Großmütter, welche die ersten Schritte tun. Aus dem Alter der Rebellion sind wir doch ohnehin raus. Handeln im Sinne unserer Überzeugung ist bestimmt die erfolgversprechendere Version bzw. Strategie. Es ist der Schnitt, der getan werden muss, der uns von den patriarchösen Vorgaben und Einflüssen trennen wird. Matriarchale oder matriviviale Strukturen lassen sich letztendlich wohl nicht nur mit Freundinnen oder Kommunen ähnlichen Wahlclans erreichen.

b:ate hat gesagt…

mmmh, ich sehe mich auch momentan wie der Beginn einer Kette. Ich kann zwar Anknüpfen an dem Leben meiner Großmutter, aber ich muss doch irgendwie neu beginnen, indem ich mit meiner Tochter einen anderen Weg beschreite - auch auf die Gefahr hin, dass sie das irgendwann total doof findet - ich hoffe es nicht, aber die gewohnten Muster sind stark und hartnäckig - das Neue will erarbeitet werden.

Stephanie hat gesagt…

… ich finde es immer wieder interessant zu lesen oder zu hören, dass ganz oft das Verhältnis zu einer Großmutter unkomplizierter und fast möchte ich sagen besser, als zur eigenen Mutter ist. Ich selbst habe diese Erfahrung nicht gemacht, da ich meine Großmütter nie kennen gelernt habe und selbst eine ältere Mutter hatte. (ich bin mit Abstand die Jüngste von mehreren Geschwistern)
Ab einem gewissen Alter finden Töchter ohnehin vieles doof und trauen unserem Rat nicht. Was nicht von ungefähr kommt, schließlich bedeutet das Wort der Mutter hier und heute nichts und ehrlich gesagt, das Wort der Mutter ist auch nicht mehr das was es mal war ;-)
Unnötiger weise ist es chic, darauf zu beharren „eigene Fehler“ machen zu dürfen und offenbar haben die jetzigen Mütter und Großmütter verlernt die Töchter ins Leben zu initiieren. Wichtiger erscheint allen sie dahin zu konditionieren mit einem gewissen Wohlverhalten einen „guten“ Mann abzugreifen.
Jedenfalls hast du Recht wenn du schreibst, das Neue will erarbeitet sein – sowohl auf persönlicher Ebene wie auch im Sinne der Zukunft...

b:ate hat gesagt…

Was sagte meine Mutter: Wenn ich gewußt hätte, wie schön das mit den Enkeln ist, hätte ich damit angefangen:-)))

b:ate hat gesagt…

nachdem ich das nochmal gelesen habe, merke ich grad die Grenze des geschriebenen Wortes. Es ist schon ein komplexes Thema: einerseits der gesamte Teil der konditionierung (z.B. wenn ich meine Tochter nicht auf das Abfassen des Richtigen konditioniere, sie das aber von anderer Seite mitbekommt - Schule, Hort, Peergroup dann später), wie gehe ich damit um? Oder Wie kann Initiation aussehen? Wenn da das Gefühl der Mutter ein komisches ist, weil sie etwas neu macht, beginnt etwas zu installieren, sich aber unsicher ist, dann klappt das auch nicht und zurück bleibt so ein betretenes Gefühl - erlebt bei einer Freundin, als deren Tochter ihre Mens bekam und die Mama das mit ihr feiern wollte. Oder ein Sprache zu finden, nicht nur für den Körper. Dazu auch das Einbinden der Restfamilie (Vater, evtl. Söhne)...

Stephanie hat gesagt…

Oh ja, da kann ich deiner Mutter nur zustimmen! Mit den eigenen vier Kindern zu leben, fand ich damals aber auch schon gut (und finde es noch heute, obwohl das Zusammenleben auf Abstand stattfindet). Ich habe drei Töchter und bin heilfroh, dass trotz meines damaligen Unvermögen, der Unsicherheit und der fehlenden Worte, sie als drei großartige Frauen und Mütter im Leben stehen. Da kann frau manchmal ganz in die Kraft der nächsten Generation vertrauen. Ich denke diesen Initiationsgedanken kann eine einzelne Mutter auch schwer allein umsetzten, aber auch das wird sich nach und nach ändern...
Wie du vielleicht schon fest gestellt hast, vergleiche ich (automatisch und ständig) unsere bestehenden Verhältnisse mit dem matrivivialen, Gedanken bzw. mit möglichen matriarchalen Strukturen. Und in denen sind die männlichen (vor allem blutsverwandten) männlichen Familienmitglieder immer eingebunden, da gibt es keine Restfamilie!
Der Familienbegriff ist zum Standard erhoben worden und jede Form der „verwandtschaftlichen“ Bindung wird hier und heute unter „Familie“ geführt. Sehr deutlich zu sehen bei dem Begriff Patchwork – Familie, die teilweise recht willkürliche und wenig verwandte Verhältnisse birgt. Die Bereitschaftserklärung eines Erwachsenen mit einem anderen Menschen das Leben zu teilen (und die Kinder gemeinsam aufzuziehen), ist heute die Familienbasis. Unabhängig von wirtschaftlichen Voraussetzungen und unterstützenden Absicherungen.

familia – Hausgemeinschaft unter der Gewalt eines Herren
(siehe auch www.rette-sich-wer-kann.com/herrschaft-hierarchie/familie-die-ganze-geschichte)

Stephanie hat gesagt…

Hallo b:ate, ich kann auf deinem Blog keinen Kommentar hinterlassen? Woran kan das liegen. sogar mein fireox stürzt dabei ab, sehr mysteriös! Muss ich mich irgendwo anmelden? Stephanie

b:ate hat gesagt…

ich bin noch nicht lange bei blogger - da fux ich mich grad rein... ich habe einen kommentarmodus, wo ich kommentare freischlaten muss, das ändere ich mal.

Stephanie hat gesagt…

Na gut dann versuche ich es weiter! Ansonsten müssen wir mal eine andere Form der Verbindung finden. Ich kann beim bloggen auch gerade das nötigste, alles andere kostet mich einfach zuviel Zeit...

b:ate hat gesagt…

also per mail?