16 Februar 2010

Mutterspiele

-->
Gestern kam mit der Post Lisa Ortgies Buch Heimspiel bei mir an...
Die ersten einhundert Seite, die sich mit der spannenden Frage beschäftigen: Gibt es neue Väter? - habe ich erst einmal überblättert. Bestimmt ist es wichtig, endlich die Stellung und Haltung der Väter und der dazu gehörigen Politik zu betrachten, aber es irritierte mich doch, dass ein Buch über die Familie schon wieder mit der Vätersicht beginnt. So blätterte ich weitere fünfzig Seiten weiter, überspringe das Kapitel Haushalt und da kamen sie endlich, die Mütter.

Und was steht da auf Seite 255?
Zu keinem Zeitpunkt in der Menschheitsgeschichte und in keiner sozialen Schicht waren Frauen ausschließlich Mütter. Und schon gar nicht Tag und Nacht für ihren Nachwuchs und dessen Entwicklung zuständig.“

Da ist er wieder, dieser leicht verdrehte Ansatz: Frauen sind nicht nur Mütter.
Na gut, aber Mütter sind immer Frauen, was sagt uns das? Es nervt mich gewaltig, die Mutter ständig auf ihren Dienst am Kinde reduziert zu sehen! Wenn wir eine Mutter dahingehend einordnen, dass sie eine Frau ist, die ein Kind ausgetragen, geboren und anschließend genährt, geschützt und versorgt hat und die darüber hinaus schlichtweg Verantwortung für das Leben trägt, müssen wir jetzt fragen: wo und wann hört denn das Muttersein auf und fängt das „Nur“ oder „Auch“ Frausein wieder an?

Findet eine Abspaltung der Mutter von der Grundkonzeption Frau statt? Bewegt sich frau dann in einem Paralleluniversum? Ist Muttersein ein temporäres Durchgangsstadium, etwa so wie die Pubertät? Von wann bis wann und wie intensiv ist Frau denn Mutter? - Von der Geburt bis zum Achtzehnten Jahr des Nachwuchses? Von der Zeugung an und bis das Kind siebenundzwanzig ist? Oder darf sich Mutter teilweise schon aus der Verantwortung entlassen, wenn das Kind in die Schule kommt? Und wohin schieben wir die Großmütter?

Ortgies geht, wie so manch andere, von der heutigen vereinzelten Familienmutter aus, der bestenfalls die Unterstützung des sogenannten Partners zusteht. Es ist auch immer blöd, wenn der Geschichtsrückblick nur bis ins Mittelalter reicht und dann festgestellt wird, sowas wie wir heute unter Müttern verstehen, gab es früher gar nicht. Die Kinder wuchsen mehr oder weniger beachtete in der Welt der Erwachsenen auf und hatten Glück zu überleben – nun, das ist heute auch noch so!

Unsere Kinder müssen sich ebenfalls mit der, von Erwachsenen kreierten Welt arrangieren. Und egal ob sie exklusiv eine vierundzwanzig Stunden - Mama zu Hause haben oder nicht, Kindheit ist heute nicht weniger stressig als in anderen Zeiten, seit das Papasystem durchgegriffen hat. Schule ist beispielsweise eine solche künstliche, von Erwachsenen geschaffene, Welt. Auch wenn sie mit Herden kleiner Menschen bevölkert wird, ist sie kein natürlicher Kinderraum. Vermutlich würde kaum ein Kind freiwillig dieses Freigehege der nicht artgerechten Menschenhaltung betreten, wenn es die Wahl hätte.

Denn, als die Erkenntnis (vor allem aus volkswirtschaftlichen Gründen) um sich griff: Kinder brauchen generell Bildung, da wurde den Bekennern dieser Erkenntnis ganz schnell klar, dass mann den dummen Weibern, die nun mal die Mütter sind, die Erziehung und Unterrichtung, gerade der Söhne, nicht überlassen könne.

Ortgies geht von dem üblichen, in unserer Gesellschaft scheinbar gut etablierten, Familienmodell aus und nennt ihr Buch im Untertitel Plädoyer für die emanzipierte Familie!

Ich werde jetzt, auch wenn es mich eine gewisse Überwindung kostet, das Buch erst einmal ganz lesen um zu erfahren, wovon sich die heutige Familie da emanzipieren sollte!

Aber alles in allem, die Teilüberschriften sind originell und aussagekräftig gewählt, fast könnte man sich den weiteren Text sparen...

Kommentare:

irka hat gesagt…

"Schule ist beispielsweise eine solche künstliche von Erwachsenen geschaffene Welt. Auch wenn sie mit Herden kleiner Menschen bevölkert wird, ist sie kein natürlicher Kinderraum. Vermutlich würde kaum ein Kind freiwillig dieses Freigehege der nicht artgerechten Menschenhaltung betreten, wenn es die Wahl hätte."

Wie wahr! Wie leicht Kinder lernen, wenn es freiwillig und in freien Lernräumen geschieht! Wie weit davon unsere Schullandschaft entfernt ist, gerade in Sachsen, der Bildungsalternativenwüste (Wüste ist noch zuviel, da gibts wenigstens Leben).

birgit hat gesagt…

ich beneide die amerikaner um das homeschooling
http://www.whiteoakschool.com/
da les ich immer wieder gern
http://www.flickr.com/photos/castanet/
da ihre bilder
ich habe einen film über schule in finnland und schweden gesehen
das klang sehr gut
aber natürlich gibt es hierzuland großartige schulen
nur der rest ist wüste...

wieso ist frau nicht ganzheitlich frau mutter großmutter
egal ob sie kinder geboren hat oder nicht
als ich studiert hab gab es hier wohngemeinschaften mit kindern
die von allen betreut wurden und eine ganze elterngruppe hatten
das lief einige zeit ganz gut
nicht einfach weil hierzuland auch gern sand ins getriebe geschüttet wird

ich bin ja ein augenmensch und das beschriebene buch sieht schon so aus dass ich gar nicht lesen mag...
sicher ungerecht

Stephanie hat gesagt…

...im Fernsehen sah ich den Bericht über die Prozesse von Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten und in letzter Instanz abgeschmettert wurden. Also den Klagen der Eltern, ihre Kinder nicht dem Schulsystem auszuliefern, stehen ja etliche Verurteilungen von Eltern zu Geld- oder Haftstrafen gegenüber.
Dieses Rechtssystem ist so was von absurd.
Natürlich muss einer Vernachlässigung der Kinder entgegen gewirkt werden. Aber das rigide Durchsetzten dieses maroden Schulsystems ist eben auch nicht die Lösung... es gäbe dazu viel zusagen...

„...nicht einfach weil hierzuland auch gern sand ins getriebe geschüttet wird“

...welcher Art Sand meinst du, liebe birgit?

Zweckgemeinschaften funktionieren natürlich auch immer wieder. Claudia von Werlhof und andere kluge Frauen postulieren in ihren Schriften den sogenannten Wahl-Clan. Ein freiwilliger generationsübergreifender Zusammenschluss, um die menschliche Urgemeinschaft in etwa nachzuempfinden.

Was ich sozusagen immer beklage ist das verlorene Selbstverständnis eines Zusammenlebens von 0 bis 100. (sowohl in der Gesellschaft, wie auch im persönlichen Unterbewußtsein; die Vorstellung in einem Sippenverband zu leben ist für viele eine Horrovorstellung und unter den, in den letzten paar hundert Jahren kultivierten Lebensbedingeungen, ist das verständlich))
Der allein agierende erwachsene Mensch in unserer Gesellschaft ist erst einmal die Norm. Wertgleich wird das Paar und die Kleinfamilie gehandelt.