… immer wieder lese ich in diversen
Foren und FB-Gruppen oder erfahre in Gesprächen von traurigen bis unglücklichen und trotzdem
scheinbar nicht aufzulösenden Beziehungen* zu Partnern (die sich
letztendlich nicht wie welche benehmen). Dabei suchen die Betroffenen nach Auswegen und
möglichst dauerhaften Lösungen. Einmal um ihr persönliches
Dilemma zu beheben und um zu retten, was zu retten ist. Denn die
(große) Liebe muss gerettet werden, das ist doch wohl klar – diese
Einstellung gehört zu unser aller Konditionierung. Die Liebe zu
retten heißt, sich selbst zu retten. Aber warum ist das so?
Also hier der anderer Blickwinkel, der
ein wenig weg von der allzu unmittelbaren persönlichen Betroffenheit
hin zu einem gesamtgesellschaftlichen Einblick führt. Und was soll
das bringen?
Wenn eine Liebeskummer oder Beziehungsprobleme hat, dann
ist wahrscheinlich das Letzte was sie tut, ihr
persönliches Leid mit der kollektiven kulturhistorischen
Entwicklung der Gesellschaft in Zusammenhang zu bringen. Warum auch, bringt uns
doch das Wissen um geschichtliche Relevanz in der Regel erst einmal
keine Linderung oder konstruktive Erneuerung.
Stimmt! Aber auch eine noch so innige Beziehung zu einem (Liebes)Partner ist keine immortale bzw. statische Angelegenheit, sondern wie
das gesamte menschliche, also arteigene Zusammenleben, ein
interaktiver (Fürsorge)Prozess. Wir wollen uns, auch über das erotische Verlangen hinaus, einander gut tun.
Früher oder später fragen sich die Leidtragenden in Krisen oder im Scheitern ihrer Beziehung,
a) wie und warum kam es zu meiner
aktuellen (Lebens- bzw. Liebes)Gemeinschaft und
b) warum gerät der, doch allgemein als
unauflöslich angesehene Pakt der Paarbeziehungen oder Ehe, immer
wieder ins Wanken?
Unsere heutige (westliche) Gesellschaft
besteht und das war nicht immer so, aus Singles oder Paaren
(eventuell mit Kindern), die weitgehend isoliert unter der Herrschaft
der Arbeitswelt ein adaptives, mobiles und überwiegend auf die
Erwerbsarbeit abgestimmtes Leben führen. Zu unseren
sozio-kulturellen Vorgaben der kollektiven Lebensgestaltung gehört
die frühe Prägung eines jeden Heranwachsenden auf einen, noch unbekannten, künftigen
Lebenspartner. Das Ganze wird inzwischen als serielle Monogamie
praktiziert. Eine jede Person hat sich mit dem
Erwachsenwerden aus den Herkunftszusammenhängen (und das eher früher
als später) zu lösen und seinen
natürlichen, also angeborenen Drang nach sozialer
Gemeinschaft und Zugehörigkeit dauerhaft in der möglichst innigen Beziehung mit
einem bis dahin fremden Menschen zu suchen.
Unsere heutige (westliche)
Gesellschaftskultur funktioniert inzwischen wie eine riesige
Single-Börse, in der das Individuum sich eines Partners versichern
muss. Der Anspruch besteht von Anfang an darin, dass die Partner
(auch wenn sie noch blutjung sind) sich die Geborgenheit
und Fürsorge, die zu einem erfüllten Menschenleben gehören,
einander angedeihen lassen. Sie müssen sich gegenseitig die Gefühls-
und Energie-Nähe der zurückgelassenen Herkunftsfamilie ersetzen. Der Sieg der,
in den Medien allgegenwärtigen, romantischen Liebe und eine angestrebte lebenslangen Befriedigung des
erotischen Verlangens sind hier und heute die Steilvorlage.
Das alles ist nicht wirklich
artgerecht. Über den langen Zeitraum des Jahrtausende umfassende Patriarchat, wird 'die Frau' immer wieder aus ihrem
natürlichen (matrifokalem) Herkunftszusammenhang gelöst und irreversible von der
direkt zugewandten und somit energetischen Fürsorge durch eine
konsanguine Angehörigensippe getrennt.
Die naturgemäße Ordnung der frühen egalitären
Matrifokalität wird ignoriert, unterdrückt und im modernen westlichen Alltag unmöglich gemacht.
Heutzutage denken wir nur noch in
Paarkonstellationen (Beziehungen) bzw. erfassen die Kleinfamilie, das
tragische Mangelkonstrukt der Moderne, als die rechtmäßige
Lebensgemeinschaft für jedermann, jedefrau und jedeskind. Die
(einzige) anerkannte Grundlage dieser Minieinheiten ist die
(romantische) Liebe zwischen zwei erwachsenen Personen, die sich auf
dieser Basis zu der kleinstmöglichen wirtschaftlichen
Beziehungseinheit zusammen tun. Eine solide Alltagsexistenz und somit
auch der künftige Fürsorgeraum für Mutter und Kind, wird so auf der
Grundlage flüchtiger Emotionen aufgebaut und wie gut das
tatsächliche funktioniert, lässt sich in eigener Anschauung, der Literatur und den
Medien verfolgen.
Das Ideal der klassischen Ehe (treu bis
zum Tod) wurde bisher, wie die Geschichte zeigt, nur durch rigide und
enge moralische, also misogyne, Gesetzesvorgaben halbwegs
durchgesetzt. Trotzdem wird mehr denn je an diesen tradierten
gesellschaftlichen Vorgaben festgehalten. Hier kann sich jedeR
Gedanken machen, warum das wohl so ist.
Was haben diese, von mir
aufgeführten Grundeinsichten nun zum Beispiel mit HSP** oder einer
Scanner-Persönlichkeit zu tun?
Ich behaupte, was uns HSPlern oder
Scannern (gerade den weiblichen) das Leben oft so schwer macht, ist
die ungeheure Sehnsucht (die fast immer nur als diffuses Gefühl
zugelassen wird) nach einer artgerechten, vielfältigen und
gefühlsmäßig erfüllten Alltagsnähe zu wohlwollenden und auch
verständnisvollen Menschen, die uns (er)kennen, unter denen wir uns
ungezwungen bewegen und entfalten können.
Ein energetisch interaktives
Zusammenleben (und -arbeiten) mit unseren Bindungsangehörigen, in
einem geschwisterlichen und generationsübergreifenden Sinn,
ist unser ursprüngliches, arteigenes Programm. Erotik und Sex mit
einem Liebespartner waren auch vor Zeiten höchstwahrscheinlich eher das
Sahnehäubchen im Alltag eines Erwachsenen.
Ein (moderner) Partner, der sich erst
einmal nach dem Kennenlernen einen Überblick über die Person, die
jetzt zu seinem Leben gehören soll, verschaffen muss, ahnt meist
nicht einmal mit welchem Potential er es bei seiner PartnerIn
tatsächlich zu tun bekommt. Zugleich wird erwartet, dass sie bzw. er
den den gesamten Background an Zuwendung und Fürsorge, den
artgerechterweise ein jeder Mensch braucht, ersetzen soll.
Wir
alle, besonders als Teilnehmer der westlichen Moderne, sind in die
Kargheit der Kleinfamilien und der späteren Vereinzelung
hineingeboren worden und erwarten nun das Heil von einem
Partner, der in der Regel selbst in seinen eigenen Mangel verstrickt
ist. Hochsensible Menschen, die von Geburt an diese
Mängel besonders deutlich verspüren dürften, müssen sich jedoch wie jeder
andere auch mit den Parametern unserer Gesellschaft irgendwie
abfinden.
Es wäre also eher hilfreich, dass
Spektrum der eigenen Erwartungen an die Welt um uns herum, kräftig
auszuweiten. Je enger wir unsere Welt gestalten, um so weniger
erhalten wir auch von der, für uns so essentiellen, Zuwendung. Wenn unsere
Gefühls- und Gedankenwelt nur noch um den sogenannten Partner kreist
(und um das Problem, das wir mit ihm haben), dann müssen wir uns
nicht wundern, dass sich das Leben wie „in einer Schneekugel
gefangen“ anfühlt (Zitat einer Betroffenen). Nehmen wir also
einerseits aktiv alle uns Nahestehenden, allen voran unsere Bindungsangehörigen, in unseren bewussten Alltag und
in unserer tätige, verantwortungsbereite Aufmerksamkeit auf und halten weiterhin unsere Sinne offen. Leider ist es für die / den
Einzelne(n) oft kaum möglich ad hoc eine unmittelbare Veränderung
herbeizuführen und bestimmte Transformationen sind auch einem, sozusagen evolutionären, Tempo unterworfen.
Doch ist es immer hilfreich schon mal mit dem eigenen
Umdenken zu beginnen und sich somit aus der Schleife von
Selbstbezichtigung und unrealistischer Erwartung zu lösen.
Jedenfalls wird es uns auf keinen Fall schaden den tradierten
(zähen) Mainstream und seine „Liebesparameter“ für jedermann, auch mal zu
hinterfragen. Sowie mit sich selbst und dem meist genauso
überforderten Lebensgefährten etwas Nachsicht zu üben. Und
vergessen wir vor allem nicht das Beispiel, dass wir unseren Kindern geben. Ich
wünschte, mir hätte das eine wohlwollende Alte zu
meiner Zeit gesagt...
* ich war auch mal eine Beziehungsgeschädigte...
** ... HSP - für 'hochsensible Personen',
engl. 'Highly Sensitive Person'
.