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26 Juni 2014

schmerzlich















für Jonathan 2004 - 2014

Also, es war einmal eine Zeit,
da war ich noch gar nicht da. -
Da gab es schon Kinder, Häuser und Leut
und auch Papa und Mama,
jeden für sich -
bloß ohne mich!

Ich kann mir‘s nicht denken. Das war gar nicht so.
Wo war ich denn, eh es mich gab?
Ich glaub, ich war einfach anderswo,
nur, dass ich‘s vergessen hab,
weil die Erinnerung daran verschwimmt -
Ja, so war‘s bestimmt!

Und einmal, das sagte der Vater heut,
ist jeder Mensch nicht mehr hier.
Alles gibt‘s noch: Kinder, Häuser und Leut,
auch die Sachen und Kleider von mir.
Das bleibt dann für sich -
bloß ohne mich.

Aber ist man dann weg? Ist man einfach fort?
Nein, man geht nur woanders hin.
Ich glaube, ich bin dann halt wieder dort,
wo ich vorher gewesen bin.
Das fällt mir dann bestimmt wieder ein.
Ja, so wird es sein!

Michael Ende

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26 Oktober 2012

Herbstmutter

Der Film  „Herbstkind“, der von der ARD am Mittwoch ausgestrahlt wurde, ist hervorragend umgesetzt und er ist auch aus meinem Verständnis heraus, mehr als nur die Darstellung einer postpartalen Störung.

Die dramatische Handlung des verhalten gezeigte Alltag eines beginnenden Kinderlebens, wird wohl für manchen Zuschauer alles andere als auffällig sein - da gibt es ein schmuckes Eigenheim auf dem Land, das suggeriert wie das Kind später draußen schön spielen wird in der unmittelbaren Nähe der heilen Welt von Bauernhof und Dorfidylle. Außerdem die perfekte Ausstattung des Kinderzimmers, das heutige Eltern auf Grund der Gewissheit 'was es wird', schon vorher farblich abstimmen können. Ein idealer Vater ist auch da, der sich nicht nur wie verrückt auf sein Kind freut, sondern auch erst einmal unspektakulär selbstverständlich die Überforderung der jungen Mutter auffängt. Allerdings braucht er ziemlich lange zu verstehen, dass deren zombieartiger Zustand, weder Erschöpfung nach der Geburt, noch verdrängte Panik vor der Verantwortung ist.

Die Nachbarin spricht die in sich gekehrte Frau auf die Heultage an und findet, das reichlich Arbeit dagegen hilft. Spätestens an der Stelle habe ich mich gefragt, ob ich die einzige bin, der die trostlose Einsamkeit auffällt, in die Mütter mit ihren Neugeborenen im Arm nach der Entbindung heimkehren?

Der klägliche Versuch, den eigenen Vater und Großvater ihres Kindes zum Bleiben zu überreden, ist fast schon eine Schlüsselszene der eigentlichen, aber sicher nicht beabsichtigten, Hintergrundaussage des Filmes.

Mütter und ihr Kind erhalten keine persönliche Unterstützung. Es ist keine (weibliche) Sippe da, die der jungen Mutter das Gefühl geben kann: Alles ist gut, ihr seid beide zwischen uns geborgen.

Die aufgeschlossenen und gut beschäftigten Großeltern, welche in dem Film ohne Frage sehr positiv dargestellt werden, agieren trotzdem auf typische Weise in dem üblichen Modus der bemühten Nichteinmischung und möchten nicht als Störfaktor des neuen Elternglückes auftreten. Das hilflose Nichtaussprechen, das so typisch für dererlei Konfliktfilme ist, hat mich fast verrückt gemacht.

Gut, es wurde ein Krankheitsbild dargestellt, noch dazu eines, was nicht täglich vorkommt und mit dem die Beteiligten nicht umgehen konnten. Aber die einzige Fachfrau, die Betroffene selbst, hat auch in keinem ihrer lichten Momente festgestellt, dass im Interesse von Mutter und Kind Hilfe angezeigt wäre. Und ich meine damit nicht das Einschreiten eines Arztes. 


Es ist so selbstverständlich in unserer Gesellschaft, dass eine Mutter, die ein Kind zur Welt bringt, als autonome Frau weiter ihren Alltag abspult, fern ab von jeder Art aktiver (persönlicher) Zuwendung. Der mehr oder weniger kompetente Mann an ihrer Seite hat alles abzufangen, was an gravierenden Veränderungen mit der Geburt eines Kindes (für beide) einhergeht und ansonsten bleibt man unter sich und genießt das Glück endlich eine „eigene kleine Familie“ zu sein.

Frauen sind zähe Wesen, können normaler weise eine Menge ab und immer wieder haben viele ihre Kinder allein aufgezogen. Aber „allein“ heißt in unserem Kulturjargon: ohne Mann.

Dass zu einer Frau und Mutter vor allem auch andere (verwandte) Frauen und Mütter gehören, ist offensichtlich derzeit nicht nur nicht mehr vorstellbar, sondern leider auch höchst selten umzusetzen. Unsere Kinder werden in eine ungeborgene Welt hineingeboren, in der es sich alle tauglich eingerichtet haben - es darf nur nicht dazwischen, sonst kann ein Neugeborenes schon mal im Wäschekorb zwischen der Schmutzwäsche landen.





Fall eine von euch Bedarf hat, noch ist der Film in der Mediatik des ARD zu sehen!

Dazu vielleicht auch ein Artikel in der Frankfurter Rundschau

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15 Januar 2012

Die Tränen des Alltags

Wenn meine Schwester und ich Arm in Arm die Allee auf dem Michaelisfriedhof entlang spazieren, fließen so manches Mal ein paar Tränen. Doch nicht der Rührung oder Trauer. Es ist eine zugige Stelle, dieser lange, schnurgerade Weg zwischen Bäumen und Gräbern. Das Auge schützt sich durch einen Tränenschleier vor dem Wind, der da heftig entlang pfeift, so dass trotz Brille die Augen feucht werden. Oder wie im Fall meiner älteren Schwester lösen die Augentropfen, die sie regelmäßig anwenden muss, diesen Effekt aus.

Sonst gibt es eigentlich keinen Grund zu weinen. Im Gegenteil, je länger wir uns kennen lernen, desto mehr lachen wir mit einander. Ganz recht, ich musste meine siebzehn Jahre ältere Schwester erst kennen lernen. Als ich noch keine zwei war verließ sie die elterliche Wohnung und dann sah ich sie lange nicht mehr. Später erlebte ich sie besuchsweise einmal im Jahr drei Tage lang. Wenn nach einem aufwändigem Genehmigungsverfahren ihr Aufenthalt von den Behörden gestattet wurde, konnte sie in die DDR einreisen. Das waren noch Zeiten – Grenzen – auf der Karte, im Gelände, in den Köpfen, in den Herzen.

So kam es, dass ich diese Frau, die mir eigentlich, von Geburt wegen, nach meiner Mutter, am nächsten hätte stehen müssen, überhaupt nicht kannte. Sie war die Schwester, die im Westen wohnte - Geschäftsfrau, verheiratet und kinderlos. Es war kompliziert. Als wir uns wieder begegneten und wirklich Zeit mit einenander verbringen konnten,
dauerte es lange, bis wir gegenseitig so viel von einander wussten und miteinander fühlten, dass wir ungehemmt zusammen fröhlich sein konnten oder gemeinsam traurig. Die Jahrzehnte lange fehlende Nähe und unsere sehr verschiedenen Biografien haben nicht immer zu einer unbeschwerten Verständigung beigetragen.

Es war vor allem für meine Schwester nicht leicht. Mein Kinder- und besonders mein Enkelkinderreichtum, bekümmerte sie immer wieder. Ihre Kindheit und Jugend ging einst im Krieg und den Nachkriegsjahren unter und allein unter Brüder das einzige Mädchen der Familie zu sein, war auch kein Zuckerschlecken. Als dann das ersehnte Schwesterchen kam, absolvierte sie bereits in einem Nachbarstädtchen eine Ausbildung. Und bald darauf war die kleine Schwester für sie gar nicht mehr erreichbar, sie zog von Thüringen in die Lüneburger Heide. 

Persönliche Entscheidungen, aber auch idiotische politische Verhältnisse haben uns so um Gemeinsamkeit gebracht und schwesterliche Qualität verkümmern lassen. Wer fragt noch nach den Schicksalen, die von männlichen Machtspielen plattgemacht wurden? 

Meine „verlorenen“ Schwesterjahre sind für mich immer mal wieder ein kleiner Grund zur Trauer, auch um ein Tränchen zu vergießen...
 
Worüber weint ihr so?



 .

31 Januar 2011

Trauer


Die fremde Tochter

… fünfzehn Jahre ist sie alt geworden, eine Zeit von der es heißt, dass das Leben nun erst richtig anfängt. Ein junges Mädchen, das über verschlungene Bande auch mit mir verknüpft war. Sie war die Halbschwester einer meiner Enkeltöchter und weder wirklich bekannt, noch jemals irgendwie präsent im Alltag unserer Kleinen. 

Eine, von meinem Schwiegersohn getrennte Lebensgefährtin, war ihre Mutter. Und für ihn ist sie die Tochter gewesen, die weit weg lebte und die er selten sah, über die wenig gesprochen wurde und er als Vater froh war, wenn alles gut lief. 

Nicht einmal ihr Name ist mir sofort eingefallen, als ich von ihrem Tod erfuhr und erst jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, steigt in mir eine überwältigende Trauer auf und ich fühle die grausame Endgültigkeit des Geschehens.

Ein Kind gehen lassen müssen, eine Tochter zu verlieren … wie groß kann Schmerz sein?

Mein Herz begleitet Dich in die andere Welt, in die Arme der Ahninnen. Schlaf gut, kleine Tochter!