Posts mit dem Label Ideologie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Ideologie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

22 Juli 2023

Löwenzahnkraft

Warum oder wieso kommt logisches (folgerichtiges) Wissen bei manchen an und bei anderen nicht? Unser Alltag ist geprägt vom aktuellem Weltwissen über das patriarchöse Gedöns und unser aller Konditionierung. Neue Gedanken und Erkenntnisse durchbrechen nur schrittweise die Verkrustungen, in denen wir feststecken. Es ist wie das Pflänzchen, dass eine Asphaltdecke durchbricht. Wie lange dauert es bis aus einer vielbefahrenen Straße eine Blumenwiese wird? Sie werden es nie schaffen, die Pflanzen der Erkenntnis, wenn sie immer wieder überrollt werden, ein Baufahrzeug kommt um die Straßendecke zu reparieren und ihnen damit den Garaus macht. Es gibt nur dann ein Chance, wenn die Straße stillgelegt wird und der Verkehr nicht mehr darüber rollt. Wenn wir aufhören jedes patriarchale Credo zu wiederholen und die Autobahnen zu unserem angeblichen Seelenheil nicht mehr befahren.
Aber das scheint auch heute gar kein Thema zu sein, die ausgefahrenen Bahnen zu verlassen und selber zu denken, neu und dazu zu lernen oder eigene Forschungen zu betreiben. Der Figur des Meister Joda, in dem zutiefst patriarchalem Starwars-Universum legte man allerdings einen interessanten Satz in den Mund: Vergessen du musst, was alles du gelernt!
Im allgemeinen folge ich schon lange keinem Meister mehr, aber hier mache gern mal eine Ausnahme, denn bei mir laufen all die patriarchalen Glaubenssätze durch eine selbstgebauten Filter. Und jede Form unserer normalen Schulbildung besteht aus Glaubenssätzen, Denkgeboten und durchaus auch aus bedenklichen Dogmen.
Aber wer möchte als Erwachsene/r schon gern umlernen, nachdem man um die fünfzehn Jahre und mehr damit vergeudete in Schulgebäuden zu sitzen und fremdes Gedankengut aufzunehmen, dass einem als Grund-, Allgemein- und Spezial-Wissen schmackhaft gemacht worden war. Wir lernten als Kinder, mehr oder weniger dankbar zu sein, weil wir so bequem an einem Schulsystem teilnehmen dürfen, weil es unserer Menschennatur entspricht permanent zu lernen. Weil es eine Überlebensstrategie des Lebens allgemein ist und weil Lernen, also richtiges selbstbestimmtes Lernen, sehr viel Spaß macht.
Ist es eine Frage von Interessiertheit am Thema, oder liegt es an der Subkultur, in die jemand hinein geboren wurde? Sind ignorante Menschen verbildet oder zu sehr gebildet? Ist die klassische, kulturelle Bildung, die sich im Mainstream niederschlägt, wie der Korken auf der Flasche – was drin ist, bleibt dort und es darf nicht entweichen um neuem Wissen Platz zu machen. Schulische Bildung besteht in der Regel aus vorgefertigten Modulen, die mehr oder weniger verinnerlicht werden. Ihre Aufbereitung fand/findet im engen, fatalen Rahmen der patriarchalen Denkungsart statt. Bei den meisten kommt noch das tradierte Erbe eines religiösen Glaubenskonzepts dazu. Die Religionsideologien mit den wir alle direkt oder indirekt aufwuchsen, sind eine kollektive kulturelle Erblast.
Versucht man als Erwachsene aus den einengenden Korsetts der dogmatischen Glaubensregeln auszubrechen, bleiben diese doch Teil des gesellschaftlichen Ambiente. Ob eine ihre Erfüllung und spirituelles Erleben in sinnstiftenden Lehren östlicher Kulturkreise sucht, einem Guru folgt, sich einer paganen Naturreligion zuwendet oder sich als Hexe versucht - ob sie New Age erkundet oder sie die Sehnsucht nach dem Alten Weg umtreibt, alles ist mit bereitsvorgedachten Regeln behaftet. Alles ist befindet sich in der Nähe von einem unkritischen Folgen in eine Religionsgemeinschaft mit gut getarnter Gedankenkontrolle (in der Regel werden wir hineingeboren) oder allgemein zugängliches pseudo-philosophisches Gedankengut – man ist auf der Suche und bisher beinhaltete dieses ‚man‘ vor allem suchende Frauen. Im immer noch aktuellen engen Rahmen des bürgerlichen Sozial-Patriarchats, sind sie auf den Suche nach Selbstbestimmung, Freiheit der Gefühle, Gedanken und Handlungen sowie einem Ausdruck ihrer weiblichen Spiritualität, ihrer eigenen inneren Geistigkeit, die durch (patriarchöse) Bildung deformiert wurde. Da findet Frau richtig viel Auswahl vor, um sich Gutes zu tun und da will frau nicht auch noch anstrengend trockene Patriarchatskritik oder verdächtiges Gefasel über Matrifokalität hören – esoglänzende Hoffnungsfunken bringen zwar nichts für unsere Zukunft, lenken aber so schön von der Gegenwart ab … auch das Patriarchat hat etwas magisches ...
besinnen wir uns also auf unsere Löwenzahnkraft!

Ursula Marthastochter

16 März 2017

Keine Religion ist nur Glaubenssache...

Wer sich nur halbwegs in den Entstehungsgeschichten der gewaltsam installierten Androkratien auskennt, weiß auch,dass sich bereits die vor-antiken bzw. alttestamentarischen Religionen als reine Politideologie etablierten (da sie die Erklärungsmuster für die Herrschaftshierarchien lieferten).

Das einst herkömmliche Brauchtum aus der Alltagspraxis der bis dahin* matrifokal lebenden Menschengemeinschaften, können wir zwar bereits als eine religiöse Gepflogenheit werten, die als natürlich mündlich weitergegebene, langzeitliche Überlieferung die frühen, matrifokal angelegten Lebensgemeinschaften (Die Matrifokale) stabilisierten. Das weiblich gewichtete (intelligente), kulturelle Ritualgeschehen weist auf einen dedizierten spirituellen Umgang mit Naturgeschehen und Alltagsereignissen (der sogenannte Schamannismus) sowie auf Ahninnenkulte hin.

* zum Beginn der Patriarchose

Diese frühe Form des transzendenten Umgang mit den Erfahrungen des Zusammenlebens ist imho jedoch mit den späteren restriktiven und verbindlichen Regelwerken der androzentrierten Religionen überhaupt nicht zu vergleichen. Die pan- und später monotheistischen Religionsideologien sind bereits herrschaftsaffine Kreationen um den Machterhalt der Androkraten nachhaltig zu stützen. Die religiösen Praktiken bauten auf Vorschriften auf, die sich bis zu einer geforderten unbedingten Gesetzestreue steigerten, welche bei Nichteinhaltung der Vorgaben rigide Sanktionen bis hin zu Todesstrafen nach sich zogen.

Das erzwungene bzw. konditionierte Glaubenskonzept ist nicht mit Spiritualität (inner Geistigkeit des Menschen oder wie anderer Stelle Ines Fritz schrieb: eine Gehirntätigkeit) zu verwechseln. Denn an etwas „glauben“ ist keine so unschuldige Sache, wie manch eine:r glauben mag. Hier findet in der Regel eine fremdbestimmte Indoktrination statt, die das Individuum vor die Wahl stellt durch das eigene gläubige Wohlverhalten das persönliche und kollektive Wohlergehen zu sichern. Im Falle des Zuwiderhandelns, also des Sündigens, findet ein Verstoß gegen die erlassenen Gebote statt und ist als Auslöser zu werten den Zorn des Gottes auf sich ziehen und damit auch der Gemeinschaft zu schaden.

Das Versündigen (auch wenn es in anderen Religionen vielleicht nicht so genannt wird) zieht im jedem Fall Sanktionen im Diesseits und/oder im Jenseits nach sich. Die meisten Glaubenskonzepte werden von Angst begleitet und von Drohszenarien bestimmt. Das wirkt sich wiederum auf jedwedes Gesellschaftsverständnis und die eigene Kritikfähigkeit aus. Eine eigene, selbstbestimmt gelebte Spiritualität ist angstfrei und kreativ - ein oktroyierter Glaube innerhalb von Religionsgemeinschaften jedoch in der Regel keine freiheitliche Entscheidung des Individuums. Es fängt in der Regel mit Einführungszeremonien an, wie die Taufe oder eine Beschneidung. Die institutionalisierte Religionen sind unmittelbar in die patriarchalen Strukturen eingebunden bzw. sie sind eine der tragenden Säulen der Patriarchose. Sie bilden zusammen mit den etablierten Glaubenssätzen, sowie all den Denk- und Handlungsvorgaben den ideologischen Gesamt-Mythos des Patriarchose.

Wenn Frauen heute immer noch glauben als Hineingeborene oder als Konvertitin in einer der etablierten (Männer)Religionen ein vollwertiges Mitglied dieser maskulin-patriarchalen Veranstaltung zu sein, dann ist das wohl eher ein Ausdruck des patriarchösen kollektiven Stockholmsyndrom. Die religiöse Gehirnwäsche, die in alle Schichten unserer tradierten Kultur hinein wucherte, sitzt tief (ich selbst weiß auch hier aus eigener Erfahrung wovon ich spreche) und in Ermangelung unserer heutigen naturgemäßen Bindung an die prinzipielle Weiblichkeit ist das naive Festhalten an der göttlichen Vaterfigur zwar nicht verwunderlich, jedoch so was von Vorgestern. Die heutigen Möglichkeiten sich selbst aufzuklären sind inzwischen wahrlich komplex. Bei dem heutigen gesamten Erkenntnisstand sind die überwiegend gewaltsam installierten Vaterreligionen, ihre Ableger und diverse angelehnte Glaubenskonzepte, kaum noch tolerierbar. Wer also immer noch glaubt, betreibt eine Form der Selbstsabotage, die wir als verantwortungsvolle Vorbilder unseren Kindern und den kommenden Generationen wirklich nicht antun sollten.

.

17 Januar 2016

was haben sie zu verlieren?


...es kommt wirklich nicht oft vor, dass ich Alice Schwarzer zitiere, aber hier ist es mal angesagt:  

"Aber was wir am Fall Köln nicht vergessen dürfen: Zum allerersten Mal in meinem Leben erlebe ich, dass wir in Deutschland in aller Öffentlichkeit vor den Augen der Polizei einen rechtsfreien Raum haben. Das hat es noch nie gegeben. Und es hat es auch noch nie gegeben, dass eine Männergruppe von 1000 Männern oder mehr sich auf Frauen stürzt. Das ist eine Eskalation, die ein Politikum ist. Über das allgemeine Problem der sexuellen Gewalt hinaus … Ich halte Political Correctness für tief reaktionär. Weil sie die Ideologie über die Realität stellt. Das geht nicht."

Ich komme nicht umhin ihr zuzustimmen. Dieses Politikum wird im Moment noch nicht wirklich als solches im Mainstream wahrgenommen. Noch wird gern eher angemahnt, dass es auch hier, in unserer westlichen Gesellschaft, schon immer sexualisierte Gewalt gab. Natürlich ist das so! Auch hier und sogar in besonderer Weise leben wir im Patriarchat und da sind (sexuell motivierte) Belästigungen und (gewaltinduzierte) Übergriffe sowie Frauenverachtung jedweder Couleur an der Tagesordnung. Aber eben eher weitgehend als Einzelerscheinung, wenn auch durchgängig. Der gewaltbereite Mann ist nun mal ein akzeptierter Aspekt der patriarchösen Gesellschaft. Allerdings ein vielfacher gezielter Angriff auf Frauen, wie bei den Ereignissen der letzten Silvesternacht durch eine im Pulk auftretende bestimmte Gruppe Männer, ist neu in unserer liberalen Gesellschaft. Zwar gibt es das im sogenannten arabischen Raum inzwischen häufiger - es ist dort sozusagen an der Tagesordnung - aber in Deutschland, in Europa, kannten wir das so eben noch nicht. Heißt das jetzt, dass wir uns daran werden gewöhnen müssen?

Dieses Phänomen sorgt nicht nur für den unterschiedlichsten Aufruhr, es deckt auch gleich noch einige bisher verdrängte „Schwachstellen“ im System auf. So wird beispielsweise ein handfester gewaltsamer, als sexuell motiviert verkappter Angriff auf die Frau von unseren Gesetzen nicht wirklich geahndet. Diese Männer, die aus welchen Motiven auch immer heraus sich dieser Vergehen schuldig machten, haben also erst einmal nicht wirklich etwas zu befürchten. Nicht einmal, dass sie eventuell Knall und Fall abgeschoben werden, wenn es sich um Migranten handelt - da sei unser Rechtsstaat vor. Es werden viele Motive und Gründe vermutet und einer dieser Hintergründe ist auch, dass sie aus ihrem Kulturverständnis heraus kaum Unrechtsbewusstsein an den Tag zu legen brauchen, denn sie können sicher sein, dass sie bei solch einem Verhalten nichts zu verlieren haben. Im Gegenteil, sie können auf Anerkennung und Beifalls in ihren Peergroups hoffen.

Männer, die Frauen belästigen, sie mit eindeutiger sexuellen Motivation attackieren, dabei noch ihre Gewaltfantasien ausleben oder sie gleich vergewaltigen, tun das, wenn sie unserem Kulturkreis angehören, eher heimlich, möglichst versteckt, zumindest unter Ausschluss irgendeiner Öffentlichkeit. Denn diese Männer haben in ihrem Alltagsleben meist etwas zu verlieren. Ich lehn mich mal aus dem virtuellen Fenster und behaupte: Heute ist ein Vergewaltiger kein toller Hecht mehr sondern nur noch ein Verbrecher. Wenn auch unsere Gesetzeslage auf beschämende Art und Weise hinterherhinkt und der Schwere all dieser Vergehen und Untaten immer noch nicht gerecht wird. Daher ist es, ich kann es kaum glauben, möglich Frauen körperlich anzugreifen (im doppelten Sinne sowie gegen ihren erklärten Willen) und es findet sich kein Paragraph, der den oder die Täter hier eines Verbrechens bezichtigt und eine Bestrafung in Aussicht stellt. Beleidigung ist das einzige, was dabei rumkommt. Immerhin schon mal Beleidigung - aber es ist doch letztendlich viel mehr als nur ein beleidigender Akt. Das Betatschen, Festhalten, Angrapschen, das Zerreißen von Kleidungsstücken oder gar das Einkesseln von einzelnen Frauen durch mehrere Männer ist und bleibt ein böswilliger Angriff, auch wenn er den Täter Spaß bereitet. Es ist ein Angriff, bei dem auch eine Verletzung (oder gar schlimmeres) billigend in Kauf genommen wird, der das (arglose) Opfer in Angst und Schrecken versetzt und immer ein Trauma zur Folge haben wird. Gewiss lassen sich einige traumatischen Erfahrungen, die wir alle im Leben einmal haben, überwinden. Ein Unfall, ein Sturz, ein Situation wie beinahe Ertrinken kann dazu führen, dass wir ernsthaft in Gefahr geraten und der dabei durchlebte Schrecken und Schock ein Trauma auslöst. Doch ein willentlicher Angriff durch einen oder mehrere anderen Menschen ist in unserer wohl geordneten Gesellschaft eine Erfahrung, die niemand machen möchte und die in den letzten Jahrzehnten zwar vorkam, aber, na sagen wir, relativ selten. Und nun müssen wir immer und überall damit rechnen?

Die Akzeptanz meiner Person, die Unversehrtheit meines Körpers und meines Geistes bewahren zu können, das Recht auf meinen persönlichen Ausdruck - mit einem Wort - meine Integrität zu achten - all das erwarte ich von meinen Mitmenschen und ich bin evident bereit einer jeden anderen Person diesen Respekt entgegenzubringen – das ist ein natürlicher sozialer Akt. Auf dieser Basis existiert auch der artgerechte matrifokale Zusammenhalt. Aber die patriarchale Gesellschaft tickt nicht so.

Die androzentrierten und hier im Besonderen die monotheistischen Religionen, wie der Islam aber auch das Christentum, sind lediglich rigide Interpretationen des Grundgedankens des Patriarchats – der Vater-Herrschaft - und sie haben allesamt in der sozialen Balance eines artgerechten Menschenlebens ungeheuren Schaden angerichtet. Dieser gut installierte Ungeist setzt sich immer noch weiter fort. Und auch gefühlt gemäßigte Ideologien oder aufklärerische Philosophien, die auf der scheinbar fortschrittlichen Idee von Freiheit, Gleichheit und vor allem Brüderlichkeit aufbauen, streben lediglich eine Verschiebung der Machtverhältnisse auf dem bestehenden Herrschaftsfundament an. Denn das patriarchale System ist die gewaltsame Durchsetzung des Gedankens, dass dem Mann – Vater – Herrscher die Kontrolle über jedwede Form des soziokulturellen Zusammenlebens aller Menschengemeinschaften zusteht und der privilegierte Mann sie exklusiv nach seinem Gutdünken ausüben darf. Das drängt automatisch die Frau nicht nur in die Passivität, sondern macht sie auch zur komplett Unterworfenen. Sie ist seitdem das gottgewollte Opfer dieser gesellschaftlichen Geiselnahme, das sich nur noch ins Stockholmsyndrom rettet kann um zu überleben. Die patriarchöse, durch den privilegierten Mann ausgeübte Macht (von latent und unterschwellig bis zu offen brutal) umgibt grundsätzlich jede Frau, selbst jene die glauben an den Privilegien des Mannes beteiligt zu sein. Sie alle, uns alle, umgibt die Aura des patriarchal instrumentierten Sklaventums.

Die paar Jahrzehnte des Besinnens auf humane Werte und der Beginn der Selbstbestimmung der Frau in einer modernen Gesellschaft, die wir nach dem letzten großen patriarchösen Crash in Europa, dem I und II Weltkrieg, zu leben begannen, scheinen nun vorbei zu sein. Ein erneuter, erschreckender Backlash holt uns gerade ein. Denn unter der Camouflage der Friedfertigkeit gärten sie weiter, die seit Jahrtausenden gehärteten Gewaltrituale der patrizentrierten Bruderschaften.

Wir Schwestern und Mütter sind noch lange nicht gemeinsam mit unseren Töchtern, Söhnen und Brüdern im Mutterland angekommen.


 .

06 November 2015

Das Problem des Androzentrismus als Gesellschaftsatmosphäre

Anne Busch schreibt: „Selbst den Humanitätsbegriff konnte ich nun stehenlassen, da er sich auch als Verantwortung des Menschen für die “Schöpfung“ lesen lässt. Allerdings bleibt auch in ihm ein gewisser Androzentrismus und notwendig auch männlich geprägter Blick erhalten, den ich aber nicht im Sinne eines männlichen Egoismus begreife, sondern in erster Linie als Haltung im Sinn einer übergreifenden und integrierenden Hoffnung für die Menschheit und den von ihr bewohnten Planeten.“

Stephanie Ursula Gogolin reflektiert zum Begriff Androzentrismus:

Der Androzentrismus als Gesellschaftsatmosphäre ist wie ein Aggregatzustand, in dem wir uns bewegen, ohne die anderen Möglichkeiten zu kennen und als wäre er das einzige lebenserhaltende Elixier...

Der allgegenwärtige Androzentrismus trägt eine jede Frau im patriarchalen Taufkleidchen zu den ersten Weihen der Gesellschaft und begleitet sie durch jede Station ihrer gesellschaftlichen Existenz bis hin zu ihrem einsamen Sterben - einsam im Sinne einer im Alltag nicht präsenten Weiblichkeit.

Wir Frauen sind so auf maskuline Werte geprägt, dass es fast nicht möglich ist, das eigene Frausein tatsächlich, wie es normal wäre, stets zu fühlen oder als schwesterliche Präsenz um uns wahrzunehmen. Bei vielen blitzt wahrscheinlich nur gelegentlich die Ahnung auf, dass wir um das weibliche Miteinander betrogen werden. Die weibliche Seele der Menschenwelt in ihrer mütterlichen Offenbarung ist weder individuell noch im kollektiven Kontext spürbar. Jede psychische, soziale und kulturelle oder auch körperliche Prägung* formt inzwischen ein jedes weibliche Wesen zu eine Art Android. Ein lebendes Kunstwesen, das mit einer maskulinen Programmierung versehen, die Welt der Androzyten erhalten soll. Der innere und äußerliche Kodex dieser unanimen Prägung wird seit Jahrtausenden angewandt und ist nur auf ein Ziel gerichtet: die Hingabe einer jeden Frau an den Mann.

Die vom Mann geschaffene komplexe Idee der Versklavung (vor allem weiblicher Menschen) ließ u.a. eine abstrus einseitige Weltidee entstehen, die es schaffte, dass bis heute beide Geschlechter des denkenden Durchschnittsbürgers jede ihrer Wahrnehmung durch androzentrierte Filter fließen lassen.

Erst in jüngerer Zeit greift auch noch die wahrhaft absurde Spielart um sich, als heranwachsende Frau einem Ideal nachzueifern, in dessen Mittelpunkt der privilegierte Mann steht. Alles was Männer können und machen, können und machen heutzutage Frauen auch. Sie sind motiviert zu beweisen, dass sie "es" auch können. Dabei wird geflissendlich übersehen, dass sie es vor allem können, weil ihnen, vielleicht zu ersten Mal in der patriarchalen Konstellation, der Freiraum dazu gestattet wird ihre ohnehin vorhandenen Anlagen und Begabungen auszuleben. Denn der Punkt dabei ist, dass die Frau, das konkrete Weibliche, die Matrix dazu beiden, schon immer sowohl der Tochter wie auch dem Sohn, bereitstellte. Das heißt, alles was Männer können, zu dem sie fähig sind, wurde ihnen von ihren Müttern vererbt bzw. wurde ihnen mitgegeben.

Solange (artgerechte) Mütter- und Geschwistergemeinschaften die Vorlage des sozialen Miteinander für einen jeden Mann war (ist), gab es (vermutlich) auch keine nennenswerten Probleme mit dem Zusammenleben. Der erforderliche Einsatz für ein ausgewogenes Miteinander war lediglich der Einsatz der individuellen (besonderen) Fähigkeiten aller Gruppenmitglieder. Es ist also gar keine Frage, ob die Durchschnittsfrau zu gleichen Leistungen fähig ist wie ein Durchschnittsmann, sondern die Fragestellung sollte vielmehr genau anders herum lauten.

Die punktuellen Ausnahmeleistungen** die der Mann in seiner für ihn gestalteten Kultur- und Technikwelt zelebrierte und die als Argument für seine intellektuelle Überlegenheit dient, sind überwiegend Leistungen, die wahrscheinlich die meisten Frauen kaum als erstrebenswert ansehen. Ein Hinweis darauf, dass Frauen bis heute, obwohl es für die Durchschnittsfrau von ihren physischen und intellektuellen Voraussetzungen durchaus möglich wäre, all die Vorgaben und Karriereziele erreichen können, die Ideale der Männerwelt eben nicht die ihren sind. Eigentlich haben sie Besseres zu tun. Ihre Kinder aufziehen beispielsweise oder im menschlichen Fürsorgekontinuum sich gegenseitig erhalten. Dem Druck nachzugeben als Frau dem (patriarchalen) Mann nachzueifern, ist nur ein Ableger davon, sich selbst und ihre Kinder wirtschaftlich erhalten zu müssen. Als moderne Frau sind wird auch hier dem androzentrierten Gesellschaftskatalog unterworfen.

Trotzdem herrscht vor der Kulisse des Selbstverständnisses, die Welt habe eine männliche zu sein, die seltsame Furcht vor der 'übermächtigen Frau'. Dieser Popanz wird uns ständig medial gespiegelt. Alle sollen die ebenfalls gewaltbereite und darüber hinaus intrigante Frau, die skrupellos die Welt erobern und sich untertan machen will, fürchten. Diese Phobie ist und bleibt eine Männerphantasie und immer noch die Lieblingsausrede für das Ausbremsen der Frau auf allen Gebieten. Eine im patriarchalen Sinne 'mächtige Frau' ist eben auch nur eine patriarchal sozialisierte Frau.

Der patriarchale Mann ist über die naturgemäße evolutionäre Selektion hinaus so was wie sein eigenes Züchtungsprodukt. So entstand die stets abrufbare Kampfmaschine – der verfügbare Krieger, der gehorsame Soldat oder der opferbereite Held. Seit durch Generationen von diversen Machthaber die „freiwillige“ Wettbewerbs- und Kampfbereitschaft beim (Durchschnitts)Mann gefordert, gefördert und erzwungen wurde, erwies sich der hierarchisch integrierte Untertan zum Selbstläufer. Dabei griff als wesentliche Zutat des Über-Vater-Konzepts jede Form von patriarchaler Ideologie und die auf reinen Androzentrismus umgestellten Religionen.

Ein Menschenmann ist per se nicht gewalttätig, sondern dieser Effekt wurde m.E. gezielt selektiert. Heute ist in unserer derzeitigen abendländischen bzw. europäischen Kultur der gewalttätige Mann, obwohl es ihn auch gibt, eigentlich keine Alltagserscheinung. Aber er ist prinzipiell als geduldete Option vorhanden. Der schlagkräftige und körperlich in jeder Hinsicht potente Mann wird uns nach wie vor über alle Medien als Ideal präsentiert. Wir können davon ausgehen, dass viele Generationen die Erfahrung traumatischer Sinneseindrücke und körperlich erlebter Gewalterfahrung (epigenetisch) weitergaben. Zum Überleben in und mit der Natur kam die kulturell geschaffene Notwendigkeit eines Überlebens innerhalb der eigenen Spezies.

Aber es setzten sich im menschlichen Mutationsuniversum auch andere Attribute durch. Die nerdige 'Züchtungsvariante Mann' ist ein besonders schönes Beispiel, wie sehr epigenetische Effekte immer wieder neue Spielarten 'Mann' hervorbringen. Und so können wir uns hier fragen: ist der heutige Nerd ein reines Kulturprodukt oder eine unter dem Eindruck von Kultur passierte evolvierte Selektion? Wie oft gab es einen steinzeitlichen Nerd, mit dem typisch autistischen Couleur? Oder ist der sozialphobische Nerd eine reine Kreation der Neuzeit? Und wieviel Nerd steckt in den Müttern dieser Kinder? Oder wie sehr ist auch die Frau grundsätzlich „degeneriert“ worden? Ich meine damit, wie sehr hat der inzwischen dramatische Mangel an artgerechtem Naturbezug der menschlichen Weiblichkeit geschadet?

Die Androzentierung unserer Welt ist ja nicht eben mal so passiert weil grundsätzlich alle Männer eines Tages so viel empathischer, klüger, vorausschauender, weiser oder humaner als die Frauen wurden, sondern weil sich durch einige Initialzündungen soziopathischer (oder psychopathischer) Art im männlichen Kollektivkörper Eigenschaften wie unsoziales Verhalten, Gier nach Besitz und Macht, Hartherzigkeit, Skrupellosigkeit und eine nicht enden wollende Affinität zur Gewalt potenzierten. Der Androzentrismus ist das Fundament und der Motor der patriarchalen Gesellschaft (Patriarchose).


* die schlimmsten sind Verstümmelungen aller Art, aber auch das derzeitige Schlankheitsideal fällt in diese Kategorie
** wie Eroberungsbestreben, strategische Kriegsführung, (unnötige) pyramidale Bauwerke, technische Erfindungen, Forschungsarbeit zur Profitmaximierung, als Fortschritt deklarierter Raubbau an Ressourcen usw. ...
.