Wenn eine Liebeskummer oder Beziehungsprobleme hat, dann ist wahrscheinlich das Letzte was sie tut, ihr persönliches Leid mit der kollektiven kulturhistorischen Entwicklung der Gesellschaft in Zusammenhang zu bringen. Warum auch, bringt uns doch das Wissen um geschichtliche Relevanz in der Regel erst einmal keine Linderung oder konstruktive Erneuerung.
b) warum gerät der, doch allgemein als unauflöslich angesehene Pakt der Paarbeziehungen oder Ehe, immer wieder ins Wanken?
Unsere heutige (westliche) Gesellschaftskultur funktioniert inzwischen wie eine riesige Single-Börse, in der das Individuum sich eines Partners versichern muss. Der Anspruch besteht von Anfang an darin, dass die Partner (auch wenn sie noch blutjung sind) sich die Geborgenheit und Fürsorge, die zu einem erfüllten Menschenleben gehören, einander angedeihen lassen. Sie müssen sich gegenseitig die Gefühls- und Energie-Nähe der zurückgelassenen Herkunftsfamilie ersetzen. Der Sieg der, in den Medien allgegenwärtigen, romantischen Liebe und eine angestrebte lebenslangen Befriedigung des erotischen Verlangens sind hier und heute die Steilvorlage.
Das alles ist nicht wirklich artgerecht. Über den langen Zeitraum des Jahrtausende umfassende Patriarchat, wird 'die Frau' immer wieder aus ihrem natürlichen (matrifokalem) Herkunftszusammenhang gelöst und irreversible von der direkt zugewandten und somit energetischen Fürsorge durch eine konsanguine Angehörigensippe getrennt. Die naturgemäße Ordnung der frühen egalitären Matrifokalität wird ignoriert, unterdrückt und im modernen westlichen Alltag unmöglich gemacht.
Heutzutage denken wir nur noch in Paarkonstellationen (Beziehungen) bzw. erfassen die Kleinfamilie, das tragische Mangelkonstrukt der Moderne, als die rechtmäßige Lebensgemeinschaft für jedermann, jedefrau und jedeskind. Die (einzige) anerkannte Grundlage dieser Minieinheiten ist die (romantische) Liebe zwischen zwei erwachsenen Personen, die sich auf dieser Basis zu der kleinstmöglichen wirtschaftlichen Beziehungseinheit zusammen tun. Eine solide Alltagsexistenz und somit auch der künftige Fürsorgeraum für Mutter und Kind, wird so auf der Grundlage flüchtiger Emotionen aufgebaut und wie gut das tatsächliche funktioniert, lässt sich in eigener Anschauung, der Literatur und den Medien verfolgen.
Das Ideal der klassischen Ehe (treu bis zum Tod) wurde bisher, wie die Geschichte zeigt, nur durch rigide und enge moralische, also misogyne, Gesetzesvorgaben halbwegs durchgesetzt. Trotzdem wird mehr denn je an diesen tradierten gesellschaftlichen Vorgaben festgehalten. Hier kann sich jedeR Gedanken machen, warum das wohl so ist.
Ein energetisch interaktives Zusammenleben (und -arbeiten) mit unseren Bindungsangehörigen, in einem geschwisterlichen und generationsübergreifenden Sinn, ist unser ursprüngliches, arteigenes Programm. Erotik und Sex mit einem Liebespartner waren auch vor Zeiten höchstwahrscheinlich eher das Sahnehäubchen im Alltag eines Erwachsenen.
Ein (moderner) Partner, der sich erst einmal nach dem Kennenlernen einen Überblick über die Person, die jetzt zu seinem Leben gehören soll, verschaffen muss, ahnt meist nicht einmal mit welchem Potential er es bei seiner PartnerIn tatsächlich zu tun bekommt. Zugleich wird erwartet, dass sie bzw. er den den gesamten Background an Zuwendung und Fürsorge, den artgerechterweise ein jeder Mensch braucht, ersetzen soll.
Wir alle, besonders als Teilnehmer der westlichen Moderne, sind in die Kargheit der Kleinfamilien und der späteren Vereinzelung hineingeboren worden und erwarten nun das Heil von einem Partner, der in der Regel selbst in seinen eigenen Mangel verstrickt ist. Hochsensible Menschen, die von Geburt an diese Mängel besonders deutlich verspüren dürften, müssen sich jedoch wie jeder andere auch mit den Parametern unserer Gesellschaft irgendwie abfinden.
Es wäre also eher hilfreich, dass Spektrum der eigenen Erwartungen an die Welt um uns herum, kräftig auszuweiten. Je enger wir unsere Welt gestalten, um so weniger erhalten wir auch von der, für uns so essentiellen, Zuwendung. Wenn unsere Gefühls- und Gedankenwelt nur noch um den sogenannten Partner kreist (und um das Problem, das wir mit ihm haben), dann müssen wir uns nicht wundern, dass sich das Leben wie „in einer Schneekugel gefangen“ anfühlt (Zitat einer Betroffenen). Nehmen wir also einerseits aktiv alle uns Nahestehenden, allen voran unsere Bindungsangehörigen, in unseren bewussten Alltag und in unserer tätige, verantwortungsbereite Aufmerksamkeit auf und halten weiterhin unsere Sinne offen. Leider ist es für die / den Einzelne(n) oft kaum möglich ad hoc eine unmittelbare Veränderung herbeizuführen und bestimmte Transformationen sind auch einem, sozusagen evolutionären, Tempo unterworfen.
Doch ist es immer hilfreich schon mal mit dem eigenen Umdenken zu beginnen und sich somit aus der Schleife von Selbstbezichtigung und unrealistischer Erwartung zu lösen. Jedenfalls wird es uns auf keinen Fall schaden den tradierten (zähen) Mainstream und seine „Liebesparameter“ für jedermann, auch mal zu hinterfragen. Sowie mit sich selbst und dem meist genauso überforderten Lebensgefährten etwas Nachsicht zu üben. Und vergessen wir vor allem nicht das Beispiel, dass wir unseren Kindern geben. Ich wünschte, mir hätte das eine wohlwollende Alte zu meiner Zeit gesagt...