Unsere
Mütter, unsere Väter – der dritte Teil dieses bemerkenswerten
Dreiteilers ist am Mittwoch gelaufen. Flankiert von etlichen Dokus,
Interviews und Talkshows und Medienberichten, wurde das aufwendige
Werk in der letzten Tagen ausgestrahlt. Ich muss gestehen, dass es
mir noch nicht gelungen ist die drei Filme durchgängig anzusehen*.
Scheinbar kam bei mir zuviel an „epigenetischer“ Erinnerung hoch.
Wir alle leben mit Erinnerungen, die nicht immer direkt die unseren
sind.
Ich wurde 1947 von einer Mutter geboren, die für den
Rest ihres Lebens froh war, dass ihre damals sechs vorhandenen Kinder
den Krieg und die einjährige Flucht äußerlich unbeschadet
überstanden hatten. Selbst in der DDR, wo man stets bemüht war
gewisse Aspekte der Nazizeit aufzuarbeiten, wurden zwar die Gräuel
des Krieg als solches verdammt, aber auch irgendwie als eine
historische Notwendigkeit gehandelt. Ich bin, mit Trümmern vor
Augen, in die friedliche Nachkriegszeit hineingewachsen, mit dem
persönlichen, durch Verluste geprägten Schicksal meiner Eltern und
Geschwister im Schlepptau. Meine Schwester zum Beispiel verlor ihre
Heimat, ihr Zuhause und darüber hinaus ihre Kindheit und ein Teil
Jugend. Sie hat kein Schlachtfeld erlebt, aber über diese verlorenen
Zeit spricht sie auch heute noch nicht gern. Jede Form von Verlust
hinterlässt Spuren und der totale Ausnahmezustand, in den ein
Kriegsgeschehen die betroffenen Gebiete versetzt, hinterlässt
ebenfalls weitreichende Auswirkungen – auch wenn immer noch viele von
vergossenem Blut und Tod verschont sind – übriggeblieben ist
eine traumatisierte Generation. Auch ich konnte damals als junges,
geschichtsinteressiertes Mädchen aus meiner Mutter nicht
herausbekommen, was genau sie erlebt hat und wie es sich mit
bestimmten Erinnerungen weiterleben lässt.
Der
Titel des Filmes spielt jedenfalls darauf an, dass die jungen Leute,
die den Krieg erlebten, dann „unsere Mütter und Väter“ waren.
Aber was hat es denn nun mit den Müttern dieser Zeit auf sich?
Höflich wie man heutzutage ist, wird selbstverständlich die Frau,
die Mutter, in dieser Titulierung des Filmdreiteilers, zuerst
genannt. Allerdings wirkte diese Nennung der Mütter auf mich hier
sehr befremdlich. Als hätten die (im Film nicht gezeigten) Mütter der
Kriegstage besondere Anteile an den grausamen Ereignissen. Sie werden
rhetorisch auf diese Weise in eine Verantwortung eingebunden, die das
eigentlichen Geschehen so nicht hergibt.
Nichts desto trotz
hat das ZDF ein Stück Zeitgeschichte verfilmt und dabei ein recht
real wirkendes Dokument geschaffen, dass sich nicht nur anzusehen
lohnt, sondern auch sehr nachhaltig wirken kann. Thematisiert wird
die traumatische Epoche, die mit dem ersten Weltkrieg begann und deren
letzte Ausläufer in unserer Zeit immer noch immer nicht verebbt sind. Der
gezeigte Schwerpunkt sind fünf Jahre in denen der Zweite Weltkrieg
in Mittel- und Osteuropa tobte. Fünf Schicksale werden dabei
verfolgt – zwei junge Frauen, drei junge Männer – drei von den
Fünf überleben.
Von (dargestellten) Müttern konnte in den
drei Teilen kaum die Rede sein, wenn wir mal von der still
verzweifelten Mutter der Brüder Wilhelm und Friedhelm absehen. Aber
der Titel des Epos ist auch etwas um die Ecke gedacht und meint damit
die Vertreter der Generation, die den Krieg intensiv er- und
überlebten. Die Frauen und Männer, die nach den Jahren des Grauens
Eltern waren oder wurden und danach nicht im Stande waren mit ihren
Kindern die Erlebnisse und die Beteiligung an dieser unerträglichen
Sinnlosigkeit zu teilen.
Es gibt bald niemanden mehr, der
noch dabei gewesen ist... ein Grund mehr diese Stimmen noch zu Wort
kommen zu lassen. Die Menschheit hat immer auf die überlieferten
Erlebnisse und Erfahrungen der Alten aufgebaut. Und gerade bei dieser
kollektiven Horrorerfahrung wurde eher jahrzehntelang auf Schweigen,
Vermeiden und Verdrängen gesetzt. Wenn jene die am eigenen Leib
diese Erfahrungen machten, nicht mehr sind, fehlt uns das lebendige
„Anschauungsmaterial“. Diejenigen, die das Schweigen brachen,
wurden auch nicht von allen gehört und schlimmstenfalls gipfelt die
Meinung in boshaften Sprüchen, wie „...selber schuld, warum habt
ihr mitgemacht!“. Das diese Haltung noch besteht, konnte ich auch jetzt noch bei diversen
Pro und Kontra – Kommentaren zu dem Film lesen.
Viele der
noch jungen Kommentatoren im Netz haben nicht einmal ansatzweise
verstanden, dass hier auch ein Versuch unternommen worden ist ein
Schlaglicht auf die Mechanismen der (dauerhaften) Prägungen zu
werfen. Wie weit hinein in die nächsten Generationen reichen wohl
die Erfahrungen unserer Mütter oder Großmütter, die sie mit
Brutalität und einem pervertierten Alltag, mit Denk- und
Handlungsverboten machten? Das eigene einfache, alltägliche Agieren
wurde vielleicht im Nachhinein als Schuld erkannt. Diffuse Ängste
von damals sind immer noch nicht in Worte zu fassen, weil es diese
Worte immer noch nicht gibt. Wie soll eine Mutter ihren Kindern
unaussprechliche Fakten erklären, wenn es für sie selbst immer noch
zu schmerzlich, zu bedrohlich ist und sie allein dafür keine Worte
findet? Außerdem ist es auch heute noch gesellschaftlich verpönt
bestimmte Dinge beim Namen zu nennen und so es wurde das Verdrängte
noch einmal verdrängt. Die geschädigten Kriegs- und Nazi – Opfer
– Täter wollten nicht nur nicht hinsehen, sie durften es aus einer
kollektiven „Büßerverordnung“ heraus auch nicht. Und dabei wäre
bitter nötig gewesen. Nicht um wen frei zu sprechen oder wegen der
Moral oder den mehr oder weniger gerechtfertigten Schuldzuweisungen,
sondern um eben den künftigen Generationen gewisse Störungen zu
erklären oder es ihnen ersparen. Das „ererbte“ Gefühl in den
rechten Kontext zu setzen und endlich einen Sinn für epigenetisch
motiviertes Fühlen und Agieren zu bekommen, sollte langsam eine
bewusste Aufgabe von Müttern werden. Es ist wohl so ein Menschending
oder nur ein biologischer Grundzug - alles was wir tun hat
Auswirkungen über viele Generationen. Ob wir friedlich leben oder
nach wie vor Demagogie, Kriegen oder Hexenjagden ausgesetzt sind, ob
wir unseren Kindern Geborgenheit anbieten oder ihnen die Nähe
verweigern – es fällt auf uns zurück - persönlich und kollektiv. „Unsere Mütter, unsere
Väter“ von einst können ihr Verhalten nachträglich nicht mehr
ändern, die gerade amtierende Generation, zu der auch wir Älteren
gehören, schon...